Wir sind Wachstum

Noch nie gab es so viele Steirer wie jetzt. Diese von allen bejubelte Tatsache verdankt das Steirerland jedoch hauptsächlich jenen Menschen, die aus dem Ausland kommen, um in Österreich ihr Glück zu versuchen. Und das entgegen aller Biertisch-Behauptungen zumeist gar nicht aus der Türkei, sondern aus dem Norden. 

Menschen wandern. Nicht nur auf Berge, um idyllische Seen und im Halbschlaf zwischen Schlaf- und Badezimmer herum. Menschen wandern eben auch von einem Land ins andere, weil in ihrer Heimat Krieg herrscht oder sie politisch verfolgt werden. Oder sie sich anderswo einfach bessere Chancen auf ein schönes Leben erhoffen. Wäre dies nicht der Fall, würde sich ein Großteil der Weltbevölkerung wohl auf dem Alten Kontinent tummeln – die Menschen wandern aber, und das war schon immer so. Auch – und vor allem – in die Steiermark.

Die Steiermark ist was Migration betrifft keine Ausnahme, 135.491 Menschen zwischen Mur und Enns sind ausländischer Herkunft. Will heißen, sie sind entweder nicht in Österreich geboren oder haben keine rotweißrote Staatsbürgerschaft. Die Steiermark spielt durch ihre Nähe zu Ex-Jugoslawien und Ungarn in der österreichischen Geschichte der Migration eine besondere Rolle. So suchten nach dem Ungarn-Aufstand 1956 viele Flüchtlinge Unterschlupf in Österreich. 1968 migrierte eine Vielzahl an Tschechoslowaken nach Österreich, genaue Aufzeichnungen über Migrationsströme sind jedoch erst ab 2002 bekannt. „Wir wissen nicht genau, woher die Leute wann gekommen sind. Vor 2002 gab es für diese Erhebungen lediglich die Volkszählung“, erklärt Josef Holzer von der Landesstatistik Steiermark. Auch das Meldeamt in Graz fragt sich erst seit 2002, woher die Leute stammen, die in die Steiermark kommen.

2013 lebten 135.491 Menschen mit ausländischer Herkunft in der Steiermark, die meisten davon in Graz.

Zahlenmäßig ganz oben rangieren – und das mag den einen oder anderen überraschen – die Deutschen. Das könnte auch noch eine Weile so bleiben, denn laut Landesstatistik sind 2013 hauptsächlich Deutsche, Rumänen, Bosnier und Ungarn zugezogen. Die beliebtesten Regionen für Zuwanderung sind Graz (Stadt und Umgebung) und die Obersteiermark. Die ansonsten noch mehr mit Überalterung und Bevölkerungsschwund zu kämpfen hätte. Die Hälfte jener Menschen, die entweder im Ausland geboren sind oder keinen österreichischen Pass haben, ist in Graz zuhause. 45 Prozent der „Auslands-Steirer“ kommen aus der EU, ein Drittel aus Ex-Jugoslawien (ohne Slowenien und Kroatien). So hatte die Öffnung der Schengen-Grenzen eine ähnlich weitreichende Wirkung wie Kriege oder Aufstände in den Jahrzehnten zuvor.

Wenn man Migration als historische Normalität in der Steiermark sieht, wird das der Situation eigentlich noch gar nicht gerecht. Denn faktisch sieht die Sache so aus: Würden Menschen aus dem Ausland nicht nach Österreich zuziehen, gäbe es angesichts der sinkenden Geburtenzahl in der Steiermark einen eklatanten Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen. Hätte seit den 1960er Jahren keine Migration stattgefunden, würde die Steiermark laut Landesstatistik statt 1,220 Millionen Einwohnern weit unter einer Million verzeichnen. Schließlich ist der Geburtenüberschuss (Geburt pro verstorbenen Bürger) bei zugewanderten Steirern weitaus höher, als er es bei jenen mit österreichischem Pass der Fall ist. Seit 1994 gibt es keinen „österreichischen“ Geburtenüberschuss in der Steiermark. Ausländische Frauen bringen hingegen um etwa drei Fünftel mehr Kinder auf die Welt, als dies Frauen mit österreichischer Staatsbürgerschaft tun – waren damit stets ein Garant für das stetige Bevölkerungswachstum.

Fazit: Die regelmäßig aufgeführten Freudentänze, dass „wir Steirer“ immer mehr werden, sind eng mit Migration verbunden. Die Bevölkerungsstruktur der Steiermark hält genaugenommen allein aus diesem Grund. Wer sich also darüber freuen möchte, dass der Klub der Steirer immer größer wird, muss zwangsläufig auch ein Befürworter von Migration sein und Ausländer in die oftmals nicht sehr weitreichende Definition des „Wir“ aufnehmen.

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