„Wir alle müssen zusammenarbeiten. Darum geht es.“

So vielfältig wie die Menschen selbst sind auch die Gründe, die sie aus der Heimat hinaus und in ein anderes Land bringen. Saad Elshafey stammt ursprünglich aus der Umgebung von Alexandria in Ägypten, vor zwölf Jahren kam er nach Graz. Doch im Gegensatz zu vielen anderen, die vor politischer oder religiöser Verfolgung flüchten müssen, war es seine freie Entscheidung, hier sein neues Zuhause aufzubauen.

CMSElshafey

Österreich ist ein sehr schönes Land. Als ich ein Kind war, habe ich schon davon geträumt, nach Österreich zu kommen. Ich war immer schon sehr an Geschichte interessiert und habe viele Bücher gelesen. Österreich und Deutschland waren für mich besonders interessant. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese Länder sehr schwach, doch dann plötzlich waren da Wiederaufbau und große Fabriken. Diese Entwicklung war für mich sehr faszinierend.

1995 beendete Herr Elshafey sein Studium der Sozialarbeit, Pädagogik und Politwissenschaft in Ägypten und arbeitete danach fünf Jahre lang in einer großen Bank in Dubai. Sehr guter Verdienst, schöne Wohnung, eigenes Auto – eigentlich alles, was man angeblich so braucht für Glück und Zufriedenheit. Doch glücklich und zufrieden wurde er dort nicht.

Ich hatte damals viel Umgang mit Leuten, die reich waren bis zum Umfallen, Familien von Scheichs zum Beispiel. Doch sie waren alle nicht glücklich. Es gab keine Zufriedenheit. Deshalb sage ich mir immer, Geld ist nicht das Wichtigste. Natürlich muss man schauen, dass man genug hat, aber die Menschen denken immer, je mehr ich habe, desto glücklicher bin ich. Das ist nicht wahr.

Im Juni 2002 zog Herr Elshafey nach Graz und wollte hier seine Doktorarbeit in Pädagogik zu schreiben. Doch dieses Unterfangen gestaltete sich schwieriger als gedacht.

Zuerst musste ich eine Deutschprüfung ablegen. Das hat fast drei Semester gedauert. Ich habe auch mit der Doktorarbeit angefangen, doch das war sehr schwierig wegen der Sprache und auch wegen der Finanzierung. Ich musste dafür arbeiten, zum Beispiel in der Nacht als Zeitungszusteller. Das war sehr anstrengend und wahrscheinlich der Hauptgrund, dass ich nicht fertig studiert habe. Dann habe ich im Lebensmittelbereich einen Intensivkurs für Reinigung und Hygiene bei einer amerikanischen Firma in Hartberg gemacht. Der Kurs hat viel Geld gekostet, aber ich habe ein Zeugnis bekommen und mit diesem Zeugnis meine eigene Reinigungsfirma aufgemacht.

Mittlerweile hat diese Firma 37 Angestellte. Herr Elshafey macht vieles selbst, er kümmert sich um Aufträge, die Buchhaltung, Lieferungen und Kundenbetreuung. Sehr zugute kommen ihm dabei sein Studium und einige absolvierte Kurse in Management und EDV. Bildung ist in seinen Augen überaus wichtig, allem voran die Sprache.

Ich empfehle wirklich allen Menschen, die in Österreich leben wollen, Deutsch zu lernen. Das ist wie ein Schlüssel, der viele Türen öffnet. Und ein bisschen fleißig sollte man auch sein. Es ist alles da, man muss nur lernen, lernen, lernen. Ich habe hier überhaupt keine Angst vor der Zukunft. Dieses Land ist stark genug, der Lebensstandard wird sicher nicht schlechter. Aber wir müssen zusammen arbeiten, darum geht es.

Was seine frühere Heimat Ägypten angeht, hofft Herr Elshafey auf mehr Demokratie. Er wünscht sich eine baldige Präsidentschaftswahl und danach ein demokratisch gewähltes Parlament.

Es ist eigentlich ganz logisch: 20% der ägyptischen Bevölkerung sind Analphabeten, viele müssen sich um ihre Existenz sorgen. So kann man gar nicht richtig wählen. Die Zustände müssten sich so stabilisieren, dass die Menschen frei und ohne Stress wählen können. Ein Problem ist, dass die Muslimbruderschaft viel zu viel Geld hat. Die haben sich die Stimmen teilweise wirklich erkauft. Entweder mit Bargeld oder mit Lebensmittel. Mehr als 30% der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Auf der anderen Seite gibt es 5%, die Milliarden besitzen. So kann das gar nicht funktionieren. Ich wünsche mir für Ägypten, dass die Sozialgesetze genau so werden wie hier in Österreich. Alle sollten versichert sein.

Die größten Unterschiede zwischen ägyptischen und österreichischen Menschen sieht Herr Elshafey vor allem in der Mentalität und der Kultur.

In Österreich hat jeder Stress, das System lässt nicht mehr viel Freiheit. Die meisten arbeiten die ganze Woche und dann auch noch am Samstag. In Ägypten hat man mehr Freiheiten. Viele haben keinen offiziellen Job, sie arbeiten ein paar Tage, dann wieder nicht. Der Lebensstil ist sehr günstig dort, egal ob man viel arbeitet oder nicht, es kommt immer wieder was.

Herr Elshafey ist mittlerweile österreichischer Staatsbürger, verheiratet und hat drei Kinder. Etwa einmal im Jahr reist er nach Ägypten, um seine Familie zu besuchen, die über 900 Mitglieder zählt.

Wenn ich jetzt nach Hause reise, brauche ich sogar ein Visum. Das fühlt sich immer sehr seltsam an, beim ersten Mal habe ich mich richtig schlecht gefühlt. Heute ist Graz meine Heimat.

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