Wie ich mal leben will

Mag.ª Brigitte Brosch, Mitglied im Seniorenbund, ist akademische Gerontologin und befasst sich mit der Thematik der älteren Generation. Die 64-Jährige veranstaltet Workshops und Seminare für ältere Menschen und ist selbst bereits Großmutter – ein Gespräch über diverse Aspekte des Altwerdens.
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Sie sind Gerontologin. Was genau macht denn die Gerontologie?

Die Gerontologie beschäftigt sich mit allen Aspekten des Alters –sowohl medizinische, pflegerische, soziale als auch philosophische- und ich denke, sie gibt uns ganz gute Werkzeuge, um das Alter gut bewältigen zu können.

„Gerón“ kommt ja vom griechischen und heißt übersetzt „Greis“ – konzentriert sich diese Wissenschaft nur auf ältere Personen oder auch auf Kinder, denn man altert ja ständig?

Man altert schon seit der Geburt. Dennoch beschäftigt sich die Gerontologie im Wesentlichen mit dem sogenannten dritten bis sechsten Lebensalter. Ich würde sagen ab 45+, denn das soziale Altern, in dem man das Berufsleben beginnt, fängt ja schon sehr früh an.

Mit was beschäftigen Sie sich denn genau?

Einerseits ist mein Lieblingsgebiet innerhalb der Gerontologie die Vorsorge: Sich damit zu beschäftigen, wie ich mal leben will, wenn ich alt werde und auf Hilfe angewiesen bin, und wie ich das gerne organisiert hätte. Diese Dinge muss man noch regeln – solange man in der Lage ist, ein Netzwerk aufzubauen.

Andererseits beschäftige ich mich gerne mit der Thematik, glücklich alt zu werden. Dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss darüber, dass es mir einmal nicht mehr so gut gehen wird. Den Fokus auf das Positive legen, nicht auf Verluste. Sondern auf das was möglich ist. Sorgenfrei glücklich altern eben.

Wie altert man denn glücklich?

Ich glaube, indem man die Dinge gelassen betrachtet. Und den Fokus darauf legt, was man noch hat und kann und nicht darauf, was man verloren hat oder nicht mehr kann.

Also ressourcenorientiert.

Mit guten sozialen Netzwerken und einer harmonischen Einbettung in den Freundes- und Familienkreis. Ich denke, das sind so wesentliche Punkte. Auch die Infrastruktur ist im Alter etwas ganz Wesentliches. Und natürlich auch dass man sich ein gutes soziales Umfeld schafft, was nicht unbedingt nur mit Geld etwas zu tun hat, aber natürlich auch mit Geld.

Weiters denke ich, dass generationenübergreifend zu leben im Alter sehr bereichernd ist. Und dass man sich im Alter engagiert für andere, etwas ehrenamtlich weitergibt. Das finde ich ganz wichtig.

Gerade im Alter wollen sich ältere Menschen an Ritualen und Kontinuierlichem festhalten. An welchen Ritualen denn?

Wenn ich die 85+-Generation als Beispiel anführe, dann sind die sind schon sehr häufig im kirchlichen Bereich zu finden. Auch weil hier soziale Netzwerke vorhanden sind. Und diese Generation hält schon eher an kirchlichen Festen fest. Das sind auch jene, die sich wieder stärker dem Glauben zuwenden. Weil sie wissen, jetzt geht es irgendwie an das Eingemachte.

In meiner Generation wären Rituale eigentlich die Lebensstilfortführung. Das bedeutet: Wenn ich es gewohnt bin, im Kaffeehaus zu frühstücken, dann will ich auch im Alter weiter ins Kaffeehaus frühstücken gehen. Es ist auch wichtig, sich selbst eine Struktur zu geben, an der man sich festhalten und orientieren kann.

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Neben dem Seniorenbund, dem Sie ja auch angehören, gibt es auch den Pensionistenverband –

Und das Seniorenbüro der Stadt Graz, da bin ich auch aktiv.

…beides sind politische Vereine.

Das Seniorenbüro der Stadt Graz hingegen ist nicht politisch, sondern neutral. Hier finden sich Senioren aller Couleur. Man muss nicht nur politisch tätig sein, es geht auch so. Da gibt es viele Sozialkreise, und viele Möglichkeiten in Graz, um sich zu engagieren, um teilzunehmen.

Würden Sie sagen, dass sich die Auffassung eines älteren Menschen, der im Pensionistenverband ist, sich von der Auffassung eines anderen älteren Menschen, der im Seniorenbund ist, unterscheidet?

Nein. Alter ist für alle gleich. Das ist vollkommen egal.

Und dennoch gibt es zwei verschiedene politische Vereine?

Das hat ja mit der Wahl zu tun. Senioren sind treue Wähler für die Parteien. 40 Prozent der Wählerstimmen kommen von den Senioren. Deswegen versucht man, die Senioren zu organisieren, um Wählerstimmen zu haben.

Es gibt aber sehr viele Leute, die sowohl an einer roten als auch an einer schwarzen Veranstaltung teilnehmen. Da gibt es keine Trennnung. Da gibt es viele Berührungspunkte – wir sind alle gleich.

Halten nicht Mitglieder im Seniorenbund eher an Traditionen und Ritualen fest als „die Pensionisten“?

Am Land vielleicht. Ich denke da gibt es ein großes Stadt-Land-Gefälle. Ich mache auch Reisebegleitung bei Senioren und habe auch Gruppen vom Land, die sind schon ein bisschen anders.

 

Wie stehen Sie zu Sexualität im Alter? Ist das auch Teil ihrer Workshops?

Wieso nicht? Ich denke die Freude an all diesen Dingen bleibt ja bestehen. Es kommen schon manchmal Fragen. Aber nicht so in der Art von „Soll ich jetzt Viagra nehmen?“. Generell ist viel passiert – durch viele gute Bücher und mutige Filme, die dieses „Tabuthema“ aufgegriffen haben.

 

Veranstaltungshinweis:

17. Juni 2014
Zusammenleben – Zusammenaltern: Kulturwissenschaftliche Überlegungen zu Zeit und Erfahrung
Joanneumsviertel – Auditorium – 18.30 Uhr
Älter werden ist nicht einfach, denn es bringt große Veränderungen mit sich. Thema des Vortrags ist wie schwer den Menschen diese Umstellungen fallen, da sie sich n.
Vortrag: Roberta Maierhofer, Zentrum für Interamerikanische Studien
Impulse: Sylvia Groth (Frauengesundheitszentrum), Ingrid Franthal (Frauenservice), Franz Küberl (Caritas)

Um Anmeldung wird gebeten unter: vielfalt@isop.at

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