„Wenn schon Heimat, dann lieber Heimaten“

Ist Heimat nur dort, wo man herkommt oder auch dort, wo man hingeht? Univ.-Prof. Dr. Helmut Konrad vom Institut für Geschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz möchte seine Heimat nicht auf einen einzigen Ort begrenzen und setzt sie deshalb aus Überzeugung in den Plural. Im Gespräch erklärt er die Wurzeln und Entwicklungen des „Kampfbegriffs“ Heimat und warum dieser im deutschen Sprachraum besonders „klebrig“ ist.

Konrad

Das Thema der kommenden Veranstaltung am 20. Jänner lautet „Veränderbare Heimaten“. Gibt es eine klassische Definition von Heimat? 

Helmut Konrad: Natürlich wird es viele Lehrbuchdefinitionen von Heimat geben. Heimat im klassischen Sinn ist immer ein Teil von Identität. Sie ist vielleicht der Teil, mit dem man am stärksten eine Mauer – eine Grenze – um die eigene Identität baut. Man bestimmt, wer zur Heimat gehört und wer nicht. Für mich ist Heimat auch ein Kampfbegriff, weil er ausschließt. Als der Erste Weltkrieg verloren war, hat man gesagt: „Wir haben die Heimat verteidigt“. Im Zweiten Weltkriegt ist man „für die Heimat gefallen“. Heimat hat also immer Feinde. Das Problem ist, dass Heimat mit Menschenrechten nicht zusammengeht. Jeder Mensch muss gewisse Rechte haben. Heimat schreibt mir Rechte zu und dir nicht. Sie grenzt aus. Damit auch mein Titel „Veränderbare Heimaten“ – wenn ich Heimat festschreibe, dann bewegt sich nichts. Dann kann ich nicht hinaus, weil es keine andere Heimat für mich gibt. Das Schlimme am unveränderbaren Heimatbegriff ist, dass man auch niemanden hereinlässt. Manche Leute sagen, man darf Heimat nicht in den Plural setzen. Ich sage aber: Wenn schon Heimat, dann lieber Heimaten.

Empfinden Sie das Heimatwort im Singular als negativ?

Ja, ich sehe Heimat im Singular relativ negativ und kritisch. Ich möchte nicht dieses warme Gefühl bestreiten, das ich habe, wenn ich nach Kärnten fahre. Von dort bin ich mit 18 Jahren weggegangen, aber etwas bleibt. Man muss trotzdem im Bewusstsein haben, dass Heimat ein kritischer Begriff ist und jemand anderem wehtut. Weil er oder sie nicht in meine Heimat hinein darf.

Welche Dimensionen von Heimat gibt es?

Die geografische, die kulturelle, die religiöse, die rechtliche und die soziale Dimension. Zum Großteil hat Heimat künstliche Grenzen. In Japan gibt es so etwas wie Volksmusik, die genau wie unsere völlig falsch ist. Da wird eine halbverlogene, vormoderne Konstruktion von Japan im Kimono rekonstruiert – ähnlich unserem Lederhosen-Dirndlkleid-Musikantenstadl. Der vermittelt ein Heimatbild, das eigentlich vorbei ist. Aber auch das gehört irgendwie zur kulturellen Vernetzung von Heimat.

Anschließend an das Heimatlied und die Lederhosen: Woran, glauben Sie liegt es, dass das jetzt wieder populär ist? 

Das ist sehr ambivalent. Meistens ist der Rückzug auf diese vorgeblich bodenständigen Formen eine Art defensives Verhalten. Je mobiler Gesellschaften sind, umso stärker entsteht so etwas. Es ist die Sehnsucht, dass es früher besser war.  Das sind Klischees, die eine Projektionsfläche bieten. Es gibt aber nicht nur die gespielte Tradition, sondern auch die echte. In Wahrheit versucht man aber mit diesem Bild, das über „Aufsteirern“ und Lederhosen vermittelt wird, eine Art heile Welt zu entwerfen in einer Welt, die eigentlich Angst macht. Je mehr Bewegung reinkommt, desto mehr entsteht die Sehnsucht nach etwas Stabilem. Dieser Boom von Heimat entsteht als Reaktion auf unsichere, bewegliche, wachsende Gesellschaften.

Glauben Sie, dass der Heimatbegriff immer abstrakter wird?

Er wird immer unrealer, das heißt, er hat immer weniger mit der Lebensrealität zu tun. Vielleicht wird er sogar wirkungsvoller, weil er einen Sehnsuchtsort beschreibt und damit politisch instrumentalisierbar ist. Dieser Heimatbegriff wird aggressiver. Er rückt zwar von der Lebenswelt weg, wird aber gleichzeitig ein sehr harter Kampfbegriff, weil man das Gefühlt hat, irgendwer bedroht die Heimat. Und diese Heimatbedrohung möchte man bekämpfen.

Wird der Heimatbegriff als Alibi verwendet, um jemanden auszugrenzen? Wenn beispielsweise eine politische Partei mit dem Slogan „Daham statt Islam“ wirbt?

Genauso ist es. Der Heimatbegriff als Kampfbegriff definiert, wer „Daham“ und wer „Islam“ ist. Auch wenn in der Gruppe, in der ich mich wohlfühle, fünf Leute mit islamischen Glauben sind, zieht er als Kampfbegriff die Grenze und bestimmt, wer da nicht dazugehören kann.

Glauben Sie, dass für die meisten Menschen die regionale Heimat wichtiger ist als die nationale Heimat?

Ja, das hat einfach auch mit der österreichischen Geschichte zu tun. Als 1918 die Habsburger Monarchie zerbrach, war Österreich nicht existent, die Länder aber schon. So lange die Mobilität eher eine Binnenmobilität war, war die Abgrenzung eine zwischen den Bundesländern und nicht so sehr international. Heimat setzt eher regional kleinräumig an. Sogar herunterdifferenziert unter das Bundesland, zum Beispiel Oberkärnten – Unterkärnten. Über die nationale Ebene geht es eigentlich noch nicht hinaus. Irgendwann müsste es aber so etwas wie ein europäisches Heimatgefühl geben.

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Heimat ist ja etwas Besonderes im deutschen Sprachraum. Wenn man das Wort übersetzen will, dann tut man sich schwer. Hat es eine besondere Bedeutung im deutschen Raum? 

Das traue ich mich nicht zu sagen. Meine Tochter ist Japanologin und meint, im Japanischen gibt es diesen Begriff genauso. Vielleicht hat es wirklich damit zu tun, dass Nationen im Herausbildungsprozess Niederlagen erlebt haben und sich neu erfinden mussten. Da war eine besondere Emotionalität notwendig. „Home“ im Englischen meint eher den engeren Sinn – das Haus, keine ganze Region. So politisch besetzt wie im deutschen Sprachraum ist der Begriff im Englischen oder Französischen nicht. Nach 1945 hat man sich gefragt: Auf was können wir uns eigentlich stützen? Was verbindet uns miteinander? Wir konnten auf nichts stolz sein. Die Amerikaner konnten stolz sein, dass sie die Demokratie gerettet haben und dass sie die führende Nation der Welt waren. So mussten die sogenannten Niederlagen-Staaten im 20. Jahrhundert überlegen, wie sie sich nach innen verdichten konnten – auch emotional. Da bot sich natürlich der Terminus „Heimat“ an. Deshalb ist er im Deutschen besonders „klebrig“.

Den Heimatbegriff gab es aber schon vor 1945.

Aber man muss genau schauen, wie es ihn gab. Er ist auf die Romantik zurückzuführen und dort ist Heimat tatsächlich etwas landschaftsbezogenes. Im ganzen 19. Jahrhundert ist der Heimatbegriff die Antwort auf Verstädterungsprozesse. Das zeigt sich in der bildenden Kunst bei den Waldmüller-Malereien zum Beispiel. Auch die romantische Literatur spielt nie in der Großstadt, sondern am Schloss oder im Dorf. 1911 hat Anton Wildgans ein Gedicht geschrieben, das ich auch beim Vortrag zitieren möchte. Es heißt „Ich bin ein Kind der Stadt“. Darin sagt Wildgans als Stadtkind, dass er eigentlich heimatlos ist. Ohne rauschende Wälder und plätschernde Bächlein sei es keine Heimat. Seit der Romantik ist es dieses rückwärtsgewandte, anti-urbane, anti-industrielle, anti-moderne Heimatbild, das in die Zeit vor der Industrialisierung führt – das Postkutschen-Heimatbild.

Welchen Einfluss hatte der Nationalismus und in weiterer Folge der Nationalsozialismus auf das Wort „Heimat“?

Heimat ist ein starkes Gefühlswort und der Nationalsozialismus hat sich draufgesetzt. In Europa gibt es im Gegensatz zu Amerika, wo sich ein Patriotismus zeigt, vor allem den Sprachnationalismus. Wenn man im Sprachnationalismus den Heimatbegriff romantisch-rückwärtsgewandt interpretiert, appelliert er an die ganz großen Emotionen. Der Nationalsozialismus war in gewisser Weise ein modernes System: Technologie, Autobahnbau, Panzer, Vernichtungsmaschinerie. Dargestellt wurden Menschen aber als Seemann oder beim Bestellen des Feldes mit dem Pflug. Die Kunst im Nationalsozialismus greift diese vormodernen Klischees auf. Damit wird der aggressiv moderne Zug verschleiert, der in diesen Systemen drin ist.

Ist es nach dem Krieg schwieriger geworden, den Heimatbegriff zu verwenden?

Es ist leichter zu sagen „Ich bin für die Heimat“ als „Ich bin ein Nazi“. Der Heimatbegriff kommt relativ unbeschadet über 1945 hinweg. Die Heimat zu verteidigen erhält kein negatives Bild. Ich vermute, dass viele Leute ihr idealistisches Heimatbild auch nach 1945 beibehalten konnten. Natürlich rümpfte man bei allem, was nach Blut und Boden klang, die Nase, aber der Heimatbegriff war nie ganz weg. Es gab in seiner Entwicklung ein Tal, aber heute kommt er wieder. Meine Tochter ließ sich nach Japan ihr Dirndl nachschicken, weil sie bei einer Shintō -Hochzeit Trauzeugin war. Meine Frau hingegen als Achtundsechzigerin hätte nie im Leben ein Dirndl getragen.

Welche Phänomene und Entwicklungen würden Sie als besonders charakterisierend für den modernen Heimatbegriff bezeichnen?

In der Post-Postmoderne führen Zukunftsängste und der Umstand, dass Lebensentwürfe nicht mehr endgültig sind, dazu, dass man stabile Punkte sucht. In meiner Generation traf man mit 20 eine Berufsentscheidung für die nächsten 40 Jahre. Die junge Generation muss sich auf eine veränderte Welt einstellen. Da entsteht vielleicht ein stärkeres Bedürfnis nach einer Verortung, nach einem Anker. Dass beispielsweise der Apfelstrudel bei der Mama schmeckt wie immer, hat einen hohen emotionalen Wert. Meine Generation konnte sich sehr schnell stabilisieren. Als meine Frau mit 27 ihr erstes Kind bekam, galt sie für den Arzt als späte Erstgebärende. Heute würde man sagen: „Mit 27 schon ein Kind? Hast du deine Lebensplanung schon fertig?“ Die Familiengründung war ein Stabilitätsfaktor. Wenn man diese Sicherheit nicht hat, weil man nicht weiß, wo man in zehn Jahren ist, wird Heimat als Ankersehnsucht stärker.

 Abschließend: Was bedeutet Heimat für Sie?

Schon vor circa 30 Jahren habe ich zur Literaturzeitschrift „Sterz“ gesagt: Ich weiß nicht, was Heimat ist – ich kenne nur Heimaten. Leute haben mich angerufen, um sich über diese Aussage aufzuregen. Nach einer Radiosendung sagte ein Anrufer: „Man kann nur eine Heimat haben, man hat auch nur ein Herz.“ Ein anderer fragte: „Haben Sie auch mehrere Frauen, wenn sie mehrere Heimaten haben?“ Ich möchte diesen Begriff aber als Plural haben. Meine sozialen Netze sind vielleicht am stärksten mit Linz verbunden. Dort war ich zwölf Jahre lang und habe meine Familie gegründet. Heute empfinde ich Graz als Lebensmittelpunkt. Auch in Amerika habe ich eine hochemotionale Heimat – Guilford, Connecticut. Dort gehöre ich dazu und genau das ist Heimat – das Gefühl, akzeptiert zu werden. Der Wunsch, irgendwo heimisch zu sein, muss ja auf die Akzeptanz der Gegenseite stoßen. Wenn heute jemand aus Zentralafrika nach Graz kommt und Geidorfer sein möchte, müssen ihn die anderen Geidorfer auch als solchen akzeptieren, damit das funktioniert. Es wäre schön, wenn ich den Plural von Heimat etwas verteidigen könnte.

Das Interview führten Ines Abraham und Sarah Matiasek. Fotos: Lucas Kundigraber. 

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