Weil Mama arbeitet

Sowohl Maryam Mohammadi als auch die Grazer Stadtschreiberin Ivana Sajko setzten bei der Veranstaltung zum Thema “Warum Frauen soviel arbeiten und trotzdem sowenig verdienen …” künstlerische Akzente. Mohammadi zeigte Fotos eines Projektes, Sajko schrieb speziell für den Abend einen Text. In diesem Beitrag kann man sowohl die deutsche Übersetzung des Textes als auch die Originalversion von Ivana Sajko nachhören und -lesen.

Ivana Sajko ließ sich durch Seite 41 der kroatischen Ausgabe von „A Room of One’s Own“ (Ein eigenes Zimmer) von Virginia Woolf inspirieren. Für eine deutsche Lesung des Textes sorgte Ninja Reichert, für die Übersetzung ins Deutsche Alida Bremer. Die originale kroatische Textversion findet man am Ende des Beitrages.

Auf Seite 41 der kroatischen Ausgabe von „Ein eigenes Zimmer“ sagt Virginia Woolf: „Die Nachricht über die Erbschaft erreichte mich an einem Abend, ungefähr um die gleiche Zeit, als das Gesetz über das Frauenwahlrecht verabschiedet wurde. Der Brief des Anwalts landete im Postkasten, und als ich ihn öffnete, erfuhr ich, dass meine Tante mir 500 Pfund jährlich und zwar bis zum Ende meines Lebens vermacht hatte. Von diesen beiden Dingen – Stimmrecht und Geld – war das Geld, so gebe ich zu, viel wichtiger.“

85 Jahre nach diesem Buch wären viele Menschen geneigt zu bestätigen, dass Freiheit in der Tat durch die Erbschaft, durch eine lebenslang garantiere Jahresrente und nicht durch das Recht, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen und ihren politisierten Rhetoriken, die wie eine linguistische Fiktion funktionieren, die den Blick auf den wahren Stand der Dinge vernebelt, erreicht wird.

Wir neigen zu dem Glauben, dass der zivilisatorische Prozess uns zu einem Punkt gebracht hat, an dem die Aufteilung der Geschlechterrollen innerhalb der Arbeiterklasse ein politisch zu vernachlässigender Posten geworden ist, und dass nicht mehr die Regel gilt, nach der die Tageslöhne der Männer höher sind als die der Frauen, und dass uns deshalb auch die schwierige wirtschaftliche Lage auf die selbe Art und Weise trifft. Doch durch diese pauschale Gleichsetzung wird die Tatsache vernachlässigt, dass das Fundament unserer Gesellschaft, seine Erhaltung und Reproduktion auf der unsichtbaren und unbezahlten Arbeit von Frauen beruhen, die nicht nur von Müttern und Hausfrauen verrichtet wird, sondern auch von arbeitstätigen Frauen in ihrer sogenannten Freizeit, und über einen Stundelohn für diese Tätigkeit wird in der öffentlichen Diskussion über die Arbeit hinweggegangen.

Silvia Federici, eine italienische Aktivistin und Autorin, behauptet, dass der Kapitalismus nicht auf dem Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgebaut ist, sondern auf einer Unmenge unbezahlter Frauenarbeit, die sich hinter dem Aspekt des Alltagslebens verbirgt und die in die Kategorie des persönlichen Gefallens fällt. Doch der Kampf gegen eine derartige Exploatation, so Federici, ist mit dem Kampf für die Arbeiterrechte im traditionellen Fabriken Milieu nicht vergleichbar, denn auf der entgegengesetzten Seite stehen keine Arbeitgeber und Arbeitsverträge, sondern Menschen, die uns emotional wichtig sind – unsere Freunde, Liebhaber und Kinder.

Das strukturelle Problem der Gesellschaft wurde auf den Familienrahmen übertragen, die unsichtbare Frauenarbeit soll hier ihren Wert zugewiesen bekommen und ihre Rahmenbedingungen sollen hier geregelt werden. Natürlich gibt es Haushalte, in denen die Hausarbeit und die Betreuung der Kinder spontan aufgeteilt sind, doch ich wage zu behaupten, dass es viel mehr Familien gibt, in denen der Mann einfach der Frau hilft, wobei er seinen guten Willen und sein Verständnis zeigt. Und diese Art der „Hilfe“ entlarvt das wahre Verhältnis zwischen den Rollen – die Tatsache, dass ununterbrochene Arbeit eine selbstverständliche Aufgabe der Frauen ist, ihre angeborene Verpflichtung, die weniger durch das fehlende Verständnis des Partners bedingt ist, sondern viel mehr durch die öffentliche Ignoranz, durch Tradition und durch die lange Geschichte der Diskriminierung.

Und obwohl meine Darlegung eigentlich anders hätte klingen sollen, obwohl sie in einem anderen Genre und mit einem anderen Ton hätte geschrieben werden sollen, hat sich das Thema Frauenarbeit geweigert zur Poesie zu werden. Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf, und bevor ich meinen Sohn umarme, bevor ich seine Milch warm mache und sein Bett ordne, bevor ich die Wäsche in die Maschine werfe und eine Einkaufsliste schreibe, bevor ich parallel dazu noch ein Dutzend weitere Verpflichtungen erledige, deren Ablauf ich am Abend zuvor geplant habe, damit ich am Morgen einige Minuten sparen kann, verspüre ich ein schlechtes Gewissen wegen jenes Augenblicks, in dem ich ihm werde erklären müssen, dass wir nun das Haus verlassen werden, weil Mama arbeitet.

Und ich ahne schon, wie seine Reaktion ausfallen wird, ich kann mich schon darauf gefasst machen, dass er in seiner zweijährigen Unreife, wie auch die Gesellschaft in ihrer historischen Unreife, alles tun wird, um mich daran zu hindern: Er wird seine Bauklötzchen um sich werfen, die gerade angezogene Jacke wieder ausziehen und schreien Nein, nein, nein!, und ich werde ihm dann das beweisen müssen, was sein Vater nie wird beweisen müssen, dass Mama ihn lieb hat, obwohl sie auch arbeitet, in meinem Fall: schreibt, weil – um brutal, ehrlich oder sogar banal zu sein – in dem Raum zwischen meinen Sätzen seine Wäsche gewaschen und sein Essen gekocht wird.

Zum Ausklappen: Für kroatische Leser und Leserinnen/Za naše hrvatske čitačice i čitače: SelectShow

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