Warum ist das so?

Vor dem Gesetz sind alle gleich. In der Realität gibt es Gleiche und Gleichere. Warum ist das so? Diese Frage diskutierte eine Expertenrunde in der Aula der Universität Graz zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt“, die Dienstagabend ganz im Zeichen der Menschenrechte stand – darunter Wolfgang Benedek, Leiter des Instituts für Völkerrecht und Internationale Beziehungen, und Pfarrer Wolfgang Pucher. 

Gesellschaftliche Vielfalt ist keine Zukunftsvision mehr, sondern Realität, darüber waren sich die anwesenden Experten einig. Doch wie gehen wir mit dieser Vielfalt um? Sehen wir sie als Chance oder Bedrohung? Die Antwort der Wissenschafter und Praktiker an diesem Abend: Es besteht Handlungsbedarf. Gerade im Bereich der Menschenrechte.

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Menschenrechte auf verschiedenen Ebenen

„Menschenrechte sind nicht nur eine Sache des Staates, sondern ein gemeinsame Verantwortung aller“, unterstreicht Wolfgang Benedek in seinem Vortrag: „Jeder Einzelne und alle Organe der Gesellschaft sollen sich bemühen, durch Unterricht und Achtung diese Rechte und Freiheiten zu fördern und durch nationale und internationale Maßnahme ihre Verwirklichung bei der Bevölkerung zu gewährleisten.“

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Benedek sieht besonders im Bereich der Hochschul- und Lehrerausbildung österreichweit große Defizite und Aufholbedarf im Bereich der Menschenrechtsbildung: „Dafür braucht es Initiativen.“ So etwa vergibt die Karl-Franzens-Universität seit den Neunzigerjahren einen Menschenrechtspreis, der Menschen, die hervorragende Leistungen für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Menschenrechte erbracht haben, auszeichnet.

Auf Ebene der Vereinten Nationen gebe es derzeit in Syrien die massivsten Menschenrechtsverletzungen. Obwohl diese „im Schaufenster“ beobachtet werden können und es Anspruch auf Intervention gebe, seien die Organe der Vereinten Nationen wie gelähmt.  „Der hohe Anspruch der Menschenrechte lässt sich oft aus politischen Gründen nicht erfüllen. Wie lässt sich das rechtfertigen?“, fragt Benedek in den Raum.

Auch hierzulande ist das Thema Menschenrechte durchaus präsent. Als Mitglied des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen muss sich Österreich regelmäßig einer Prüfung unterziehen. Derzeit seien rund hundert Empfehlungen abzuarbeiten, so Benedek: „Man möge meinen, bei uns gebe es keine Probleme, aber auch in Österreich gibt es viel Raum für Verbesserung.“ Eine „Menschenrechtsregion“ Steiermark schwebt ihm, ergänzend zur „Menschenrechtsstadt Graz“ vor, um die Akzeptanz landesweit zu erhöhen.

Hart ins Gericht geht Benedek auch mit dem Asyl- und Flüchtlingsrecht der Europäischen Union: „Die EU ist eine der stärksten institutionellen Kräfte für die Menschenrechte. Und trotzdem ertrinken die Werte Europas im Mittelmeer.“

Schöne und hässliche Armut

Im Zusammenhang mit Menschenrechten bringt Pfarrer Wolfgang Pucher von der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg das Stichwort Armut ins Spiel: „Es gibt eine Form der Armut, für die jeder ein offenes Herz hat. Ich nenne sie die schöne Armut, die ‚Licht ins Dunkel’-Armut. Und auf der anderen Seite gibt es jene Armut, die kein Mitleid erweckt: die hässliche Armut.“ Für die hässliche Armut wolle er sich, so lange es ihm möglich sei, einsetzen. Die größte Menschenrechtsverletzung in der Stadt Graz sieht Pucher gegen das Recht auf soziale Sicherheit und das Recht auf Lebensstandard und verweist auf die „Dreckslöcher“, in denen Roma-Familien mit ihren Kindern in Graz leben müssen.

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Künstlerische Intervention

Das Rahmenprogramm gestalteten mitunter Studierende der FH JOANNEUM mit ihrem Videobeitrag zum Thema „Menschenrechte“, in denen sie Einblicke in verschiedene Grazer Institutionen gewährten.

Der aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Fiston Mwanza Mujila,  Lyriker, Erzähler und Dramatiker und ehemaliger Stadtschreiber von Graz, sorgte mit seinem nach Frantz Fanon verfassten „Monolog eines Verdammten“ für einen starken Auftakt des Abends.

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Weitere Stimmen

Christa Neuper (Rektorin der Universität Graz): „Wir sehen die Universität als Ort der Bildung und wollen dazu beitragen, dass unsere Studierenden eine kritische Haltung lernen und Verantwortung für das vielfältige Zusammenleben übernehmen.“

Alexandra Köck (Verein Zebra): „Wir reden von Zusammenleben in Vielfalt. Bevor wir aber über das „Wie“ reden, müssen wir die Voraussetzungen dafür schaffen.“

Bettina Vollath (Land Steiermark): „Die gesellschaftliche Vielfalt ist hier. Wir haben mit ihr umzugehen!“

Robert Reithofer (Verein ISOP): „Es müssen Punkte angesprochen werden, die weh tun.“

Nächster  Termin:

10. Dezember 2013
„Mehrsprachigkeit als Normalität, Ressource und Chance“
Joanneumsviertel – Auditorium– 18.30 Uhr
Zwischen veralteten Nationalstaatsideologien und der Mehrsprachigkeit als Austauschmöglichkeit zeigt der Vortrag an Beispielen aus Graz, wie sehr es das Leben des einzelnen bereichern kann, wenn man viele Sprachen beherrscht.
Vortrag: Dieter Halwachs & Barbara Schrammel-Leber, Treffpunkt Sprachen – Zentrum für Sprache, Plurilingualismus und Fachdidaktik
Impulse: Albena Obendrauf & Birgit Fedl-Dohr (ISOP), Kerstin Fischer (DANAIDA), Ursula Newby (Sprachennetzwerk Graz)

Das Projekt:

Ins Leben gerufen von der Universität Graz und dem Verein ISOP werden im Rahmen der Veranstaltungs- und Diskussionsreihe “Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt” zur Charta des Zusammenlebens des Landes Steiermark aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema gesellschaftliche Vielfalt zu präsentiert. Die Reihe verspannt Wissenschaft und Praxis bis 2015.

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