Warum Frauen nicht betteln durften

„Männer wurden geduldet, Frauen aber nicht“ – Ein Gespräch mit Stefan Benedik über die Geschichte der Bettlerinnen in Graz, mediale Hysterie, mögliche Ausbeutungsverhältnisse und eine Verletzung der kulturellen Gefühle und Grazer.

Stefan Benedik ist Historiker und Kulturwissenschafter an der Karl Franzens-Universität. Nebst Publikationen zu Geschlecht, Migration und Rassifizierung arbeitet er momentan an einem Projekt, welches sich auf die Frage fokussiert, ob das gesellschaftliche Denken über die Migration von Roma und Romnja durch bestimmte Geschlechterbilder geprägt wird – in Bezug auf Graz.

Ihr aktuelles Projekt beschäftigt sich mit der Veränderung hinsichtlich der Art und Weise, wie Bettlerinnen und Bettler in Graz wahrgenommen werden. Warum wird Betteln in Graz als ein Migrationsproblem, als ein Problem der Roma beschrieben?

Als 1996 Betteln in Graz erstmals in den Medien thematisiert wurde, wurde immer die Formulierung „Bettler, Punks und Sandler“ verwendet, wenn die Innenstadt als bedrohter Raum dargestellt wurde. Diese drei Gruppen wurden als eine einheitliche vorgestellt, als eine, die Probleme bereitet. Sehr schnell jedoch vollzog sich eine Ausdifferenzierung – man hat quasi die Bettlerinnen und Bettler herausgenommen und gesagt: Die sind das Problem.

Mit welchen Folgen?

Gleich darauf ist eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen eingezogen worden.  Dabei wurden nun Frauen als das angebliche Problem definiert. Sie wurden als diejenigen beschrieben, die auf den Straßen aggressiv betteln würden, angebotenes Essen verweigern und auch Frauen waren es, von denen man vorgeblich annehmen müsste, dass sie sich in Ausbeutungsverhältnissen befinden würden. Das geht alles so lange, bis ein prominenter Pfarrer aus Graz versucht, sie in Schutz zu nehmen. Dies tut er, indem er sagt: diese Bettler und Bettlerinnen sind Angehörige einer Minderheit, der Roma.

Doch es passierte nicht das, was dieser Pfarrer beabsichtigt hat, nämlich dass es eine größere Vorsicht und Zurückhaltung gegenüber einer Minderheit mit einer großen Verfolgungsgeschichte gibt, dass diese Migranten und Migrantinnen als Opfer von Rassismus anerkennt werden und dass in Graz mehr Verständnis für verschiedene Formen der Armutsbewältigung entwickelt wird. Stattdessen kam es genau umgekehrt: Es sind dann sämtliche historische Stereotype gegenüber Roma in diesen Diskurs eingeflossen und die Angriffe auf diese Gruppe wurden immer genauer formuliert.

1996 wurden in Graz bettelnde Frauen als aggressive Bettlerinnen bezeichnet. Wie kam es dazu?

Sobald man Bilder von Frauen, die migrieren, um Geld zu verdienen, kolportiert, wird das immer mit dem Vorwurf verbunden, dass dahinter ein Mann stecken würde, der das kontrolliert oder eigentlich davon profitiert. 1996 war das aber nur ein Argument, schließlich wären dann diese Frauen ja eigentlich Opfer und man müsste sie schützen. Der Hauptvorwurf war stattdessen, wie es ein ehemaliger Stadtrat ausdrückte, dass die Präsenz der Frauen in der Öffentlichkeit eine „Verletzung der kulturellen Gefühle der Grazer“ darstellen würde.

1996 wird dann die Grazer Bettelverordnung erlassen. Im Gesetzestext ist natürlich nicht von einem Unterschied in Bezug auf das Geschlecht die Rede, sondern nur davon, dass „aufdringliches Betteln und Betteln mit Kindern“ verboten ist. In der Durchführung bedeutete das aber, dass Männer gedultet wurden, Frauen aber nicht.

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Wendete man sich also gezielt gegen Frauen?

Nein, man kann nicht sagen, dass die Polizei oder die Politik Frauen konkret aus der Stadt vertrieben hat, sehr wohl wurde gezielt gegen sie Stimmung gemacht. Es handelt sich dabei um ganz bestimmte Feindbilder, die sich am Geschlecht orientiert haben: Männer wurden eher toleriert, weil man von ihnen wusste, dass sie ihre Familien irgendwie ernähren müssen, in diesen extremen Notlagen. Wenn Frauen mit den genau gleichen Motivationen betteln, wurde das in der Öffentlichkeit häufig als Ausbeutung oder gar „Organisation“ dargestellt.

Wie wirkte sich dies aus?

Es wurde alles, was über das Knien hinausging, als aufdringlich definiert. Um nicht sitzende Bettlerinnen brach 1996 eine wahre mediale Hysterie aus, die mit einer Landtagssitzung endete, wo zahlreiche Vorwürfe gegen bettelnde Frauen vorgebracht wurden. Vieles davon waren jedoch keine tatsächlichen Vergehen oder Straftaten – beispielsweise waren Beschwerden darunter, dass Bettlerinnen gespendetes Essen nicht annehmen. Das ist aber leicht erklärbar. Wenn man mit Betteln versucht, eine Familie durchzubringen, die nicht da ist, sondern in der Herkunftsregion auf Geld angewiesen ist, hat man von einer Wurstsemmel nichts. Zumindest nicht von der zweiten und dritten an einem Tag. Vor allem aber ist es kein Verbrechen, wenn man Sachspenden ablehnt.

Wie gestaltete sich die Entwicklung rund um Bettlerinnen in Graz bis heute?

Nach 1996 gab es lange Zeit wirklich keine Frauen, die bettelten. Erst ab den 2000er Jahren kamen wieder einige nach Graz, denen aber immer wieder mit dieser Hysterie begegnet wird. Frauen, die betteln, werden auch weiterhin als ein Indiz für ein Abhängigkeitsverhältnis gewertet. 2006 erreicht diese geschürte Aufregung einen Höhepunkt – weil es um Frauen mit Behinderung ging.

Inwiefern?

Eine fremde Frau mit Behinderung ist sozusagen das typischste Beispiel für einen Menschen ohne Selbstbestimmung. Jemand, der unfähig ist, für sich selbst Entscheidungen zu treffen. Mitten in diese öffentliche Aufregung hinein setzt dann die Wiener Filmemacherin Ulli Gladik einen Dokumentationsfilm über genau dieses Thema.

Gladik begleitete eine bulgarische Bettlerin mit Behinderung, Natasha Kirilova, über längere Zeit und erzählt deren Geschichte, oder lässt sie eigentlich selbst ihre Geschichte erzählen. Man wird mit einer Frau konfrontiert, die in keine dieser Schubladen passen will. Die ihr Leben selbst in die Hand nahm und sich dazu entschied, zu betteln, um ihren Sohn den Schulbesuch zu ermöglichen, um nicht angesichts fehlender Sozialleistungen für Behinderte verhungern zu müssen. Dieser Film zeigte, dass die ganzen Klischees über Betteln eher mit Ängste und ungelösten Fragen der Grazerinnen und Grazer zu tun haben als mit dem Leben der bettelnden Menschen.

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