Vorurteile können nicht positiv sein

„Vorurteile und Stereotype stellen immer ein Verhältnis zwischen Ingroup, dem ‚Wir‘, und einer Outgroup, also den anderen, her. Das Problem dabei ist, dass diese Outgroup als homogene Gruppe dargestellt wird.“ Dieser Satz stammt von Walter Müller, Journalist der Tageszeitung „Der Standard„. Er hat im Jahr 2002 seine Dissertation zum Thema „Sprachliche Diskriminierung in Medien“ geschrieben und ist folglich ein Experte für diese Materie.

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Nicht nur negative oder offensichtlich diskriminierende Vorurteile sind ihm zufolge grober Unsinn, sondern auch vermeintlich neutrale Stereotypen, wie die Mär von überaus ordentlichen Deutschen. „Die Deutschen, das sind über 80 Millionen Menschen. Davon auszugehen, irgendetwas würde auf alle zutreffen, ist einfach falsch. So viele Menschen können gar keine homogene Gruppe sein.“

Selbst für vielzitierte kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern hat Müller wenig über. Den oft gegebenen Ratschlag, man soll Geschenke für Chinesen nicht in Weiß verpacken, weil Weiß in China als Farbe der Trauer gilt, hält Müller zum Beispiel für wenig nützlich. „Man muss nur den Praxistest machen und hinfahren. Dann wird man sehen, dass es vielen Chinesen sicher egal ist. Das mag vielleicht für einige Leute stimmen und irgendeinen historischen Kontext haben, trotzdem setzt dieses Vorurteil nur wieder voraus, dass über eine Milliarde Menschen gleich wären.“

Nachrichten tragen zur Bildung von Vorurteilen bei

Wieso aber halten sich solche Vorurteile und was bringen Sie den Menschen? „Man muss einfach weniger denken, wenn man alles schön in Schubladen eingeteilt hat. Oft zählt dann letztlich nicht was richtig ist, sondern was einfach ist“, meint Müller kritisch. „Viele Menschen stellen dann auch selbst gewisse Persönlichkeitstheorien aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz auf, die aber natürlich jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren.“ Außerdem trägt die selektive Wahrnehmung enorm zum Fortbestand solcher Vorurteile bei. „Wenn jemand denkt, alle Schwarzafrikaner wären Verbrecher, dann fühlt er sich natürlich durch eine entsprechende negative Meldung in Medien bestätigt. Wenn dieser Jemand einen Dunkelhäutigen auf der Straße sieht, projiziert er das negative Bild  auf diesen Menschen und denkt womöglich, dieser führe irgendetwas im Schilde. Er nimmt diese Personengruppe selektiv wahr. Ein ähnliches Phänomen finden wir auch beim banalen Beispiel eines Brillenkaufs. Wenn ich eine neue Brille kaufe, fällt mir plötzlich auf, dass ungewöhnlich viele Menschen eine Brille tragen – weil ich Brillenträger nun selektiv wahrnehme und sie mir jetzt besonders auffallen.“

Gerade die angesprochenen Nachrichten spielen bei der Bildung von Vorurteilen und der daraus entstehenden Diskriminierung eine wesentliche Rolle. Viele Boulevardmedien sind auch durchaus bemüht, derartige Bilder zu verstärken. „Das verallgemeinernde Wort ‚Schwarzafrikaner‘, mit dem ich mich in meiner Dissertation hauptsächlich beschäftigt habe, kam damals eigentlich immer nur negativ konnotiert vor. Zum Beispiel mit Drogenhandel, Schleichwegen, Gewalt oder anderen Verbrechen. Positive Nachrichten und beeindruckende Leistungen hingegen wurden immer nur genau der einen Personen zugeschrieben, die dadurch herausgehoben und zum Einzelfall gemacht wird“, erklärt Müller, der weiter ausführt, dass dadurch die Schwarzafrikaner zu einer vermeintlich homogenen Gruppe gemacht werden, die immer mit Verbrechen in Zusammenhang steht. Dass daraus Vorurteile entstehen ist selbstverständlich.

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Heute – zwölf Jahre nach Müllers Dissertation – wird das Wort „Schwarzafrikaner“ kaum mehr benutzt und auch die Stimmung gegenüber Dunkelhäutigen in der Bevölkerung ist eine ganz andere geworden. Die Boulevardmedien haben neue Prügelknaben gefunden. „Heute sind es eben vielfach Muslime, die diskriminiert werden und sprachlich in einem negativen Umfeld erwähnt werden. Die Frage ist einfach, wie geht man als Medium damit um. Manche verstärken das weiter, andere gehen differenzierter damit um.“ Auch Immigrant und Immigrationshintergrund ist heute ein typischer Sammelbegriff, der eine riesige Gruppe nur mit Negativem verbindet. Bei einer positiven Nachricht ist plötzlich keine Rede mehr von Immigrationshintergrund – dann ist die Person höchstens ein Österreicher mit zum Beispiel türkischen Wurzeln.

Medien haben die Macht, Vorurteile auszuräumen

Dass die entsprechenden Medien selbst Pläne machen, gegen welche Outgroup sie Vorurteile schüren, hält Müller aber für ausgeschlossen. Er meint, dass man eher auf Strömungen in der Bevölkerung reagiert, um dann davon zu profitieren und dass Leute gerne Dinge lesen, die ihre Vorurteile bestätigen. Das aber zur Folge hat, dass sich Vorurteile weiter aufschaukeln.

Medien können freilich aber auch den umgekehrten Effekt haben, nämlich Vorurteile ausräumen oder aufweichen, indem sie differenzierter an Themen herangehen und auch indem sie Mitgliedern der jeweiligen Outgroup Platz geben. Doch auch dabei muss man sehr vorsichtig sein, meint Müller: „Wenn ich jemanden besonders positiv darstelle, weil er zu einer Outgroup gehört oder weil ich eine typische positive Fähigkeit einer Outgroup zuschreibe, dann ist das auch Diskriminierung, und zwar Positivdiskriminierung.“ Diese richtet zwar auf den ersten Blick nicht so viel Schaden an, verstärkt aber dennoch die imaginäre Trennlinie zwischen In- und Outgroup. Leute mit afrikanischen Wurzeln immer wieder in Zusammenhang mit Trommelkreisen oder Ähnlichem darzustellen und dadurch allen Schwarzen gutes Rhythmusgefühl zuzuschreiben, ist ein Musterbeispiel für positive Diskriminierung.

Beispiele von Positivdiskriminierung

Ein Plakat eines österreichischen Privatfernsehsenders zeigte etwa vor einiger Zeit David Alaba, seine Schwester Rose und „Austria’s Next Topmodel“-Siegerin Lydia Obute. Einerseits haben diese drei natürlich eine gewisse Vorbildfunktion, andererseits wird auch schnell klar, dass sie nur wegen ihrer Hautfarbe auf dem Plakat sind. Auch das ist ein klarer Fall von positiver Diskriminierung, die – vom Sender sicher unbeabsichtigt – die schwarze Community nur noch stärker als Outgroup darstellt.

Ein richtiggehend peinlicher Fall in Sachen positiver Diskriminierung passierte erst kürzlich der Uni Wien. Ein Foto eines dunkelhäutigen Studenten mit zwei blonden Kolleginnen wurde an verschiedenen Stellen auf der Website der Universität gezeigt, immer im Zusammenhang mit Internationalität oder Studentenaustausch. Der Student meldete sich jedoch kürzlich öffentlich zu Wort und erklärte, dass er aus dem Flachgau stammt. Die Uni Wien war hier einerseits dem Vorurteil aufgesessen, dass der junge Mann automatisch Ausländer sein müsse und setzte mit der Positivdiskriminierung noch einen drauf.

Letztendlich stellt sich aber noch die Frage, wie Vorurteile ausgeräumt werden können. Eine differenzierte Sichtweise ist für Walter Müller sowieso ein Muss. Darüber hinaus ist Kontakt für ihn ein wichtiger Faktor: „Wir haben in Österreich schon oft erlebt, dass es in Gemeinden Aufstände gab, weil im Ort Flüchtlinge untergebracht wurden. Mit der Zeit lernte man die neuen Familien aber kennen, die Kinder gingen mit den Kindern des Ortes in die Schule und wenn diese Flüchtlinge dann Jahre später abgeschoben werden sollte, gab es wieder Aufstände. Diesmal, weil man wollte, dass die Familien bleiben. Die Vorurteile waren weg.“ Gerade die Jugend von heute wächst schon vielfach mit Personen aus verschiedenen Kulturen auf und geht mit ihnen in die Schule. „Diese Schüler sind wahrscheinlich weniger anfällig für Vorurteile. Vorausgesetzt natürlich, es bilden sich nicht Cliquen, sodass wieder nur die Österreicher und die Zuwanderer unter sich sind. Die Hautfarbe, zum Beispiel, ist Kindern heute eigentlich schon völlig egal.“ – Eine Aussage, die Hoffnung macht.

 

Veranstaltungshinweis:

21. Oktober 2014
Wir und die anderen: Was uns die Sozialpsychologie zum Thema Vorurteil sagen kann
Joanneumsviertel – Auditorium – 18.30 Uhr
Vorurteile sind ein weltweites soziales Phänomen, das das Zusammenleben in der Gesellschaft maßgeblich beeinflusst. Ursachen, Mechanismen und die Möglichkeiten des Abbaus von Vorurteilen werden im Laufe der Veranstaltung thematisiert.
Vortrag: Ursula Athenstaedt, Institut für Psychologie
Impulse: Joachim Hainzl (Verein Xenos) und Stefan Benedik (Uni Graz)

Um Anmeldung wird gebeten unter: vielfalt@isop.at

 

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