Vorurteile dürfen gesellschaftlich nicht akzeptiert sein

Ursula Athenstaedt ist Professorin am Institut für Psychologie an der Grazer Karl-Franzens-Universität. Am 21. Oktober erklärt sie in ihrem Vortrag „Wir und die anderen: Was uns die Sozialpsychologie zum Thema Vorurteil sagen kann“, wie sich Vorurteile in unserer Gesellschaft manifestieren. Im Vorab-Interview gibt Athenstaedt einen ersten Einblick in die Thematik. Eines vorweg: Vorurteile haben nicht nur „die Anderen“, sondern auch man selbst. 

Vorurteile, die zu diskriminierendem Verhalten führen, sieht Ursula Athenstaedt als besonders problematisch an.

Vorurteile werden durch die menschliche Neigung gefördert, sich in Eigen- und Fremdgruppen zu definieren. Warum trennen wir zwischen uns und „den Anderen“?

Wir haben schon immer in Gruppen gelebt und vor allem überlebt. Es war für uns immer wichtig, wer unserer Gruppe angehört, mit wem wir kooperieren und wem wir vertrauen können. Auch wem wir nicht vertrauen können und wer einer anderen Gruppe angehört, war schon immer ein wesentlicher Aspekt des Zusammenlebens. Es gibt auch verschiedene Funktionen, die damit einhergehen. Zum Beispiel ist es einfacher, wenn man Leute auf Basis ihrer Gruppenzugehörigkeit einschätzen kann – ob das richtig ist oder nicht sei dahingestellt. Fakt ist, dass es den Umgang in der Gesellschaft vereinfacht.

Wo ist die Grenze zwischen Vorurteil und Urteil?

Der Begriff Urteil ist genereller. Ein Vorurteil ist psychologisch gesehen ein Urteil über eine Person auf Basis ihrer Gruppenzugehörigkeit. Ich schätze dabei eine Person schon im Vorhinein aufgrund von Wissen, über das ich schon verfüge, ein. Ich bilde mir also kein authentisches, individuelles Bild über die Person.

Welche Vorurteile sind Ihrer Meinung nach positiv, welche negativ?

Wenn ich sage, dass alle Franzosen gerne gut essen, ist das kein negatives Vorurteil – auch, wenn es ein Vorurteil sein mag. Immer wenn es um Diskriminierung geht, handelt es sich um negative Vorurteile. Vorurteile bestehen nicht nur aus Stereotypen, die man hat, sondern sind von Gefühlen und Verhaltensweisen begleitet. Wenn jemand aufgrund der Basis seiner Gruppenzugehörigkeit schlechter behandelt wird, dann ist das ein diskriminierendes Verhalten. Das ist die negative Seite von Vorurteilen.

Vorurteile haben also Auswirkungen auf unser Zusammenleben. Welches Vorurteil ist Ihrer Meinung nach für unsere Gesellschaft am problematischsten?

Ich würde sagen, dass alle Vorurteile, die zu diskriminierendem Verhalten führen oder sogar Aggressionen schüren, Probleme verursachen. Etwa Vorurteile gegenüber Ausländern oder Minderheiten. Diese Personen erleiden häufig Schaden durch Vorurteile, die in der Gesellschaft vorherrschen. Bei der Diskussion rund um Muslime werden Personen etwa auf Basis ihrer Religionszugehörigkeit schlecht behandelt. Das hat es in ähnlichen Formen immer gegeben und es ist fraglich, ob sich das je ändern wird. Die grundsätzlichen Tendenzen sind in uns Menschen einfach gegeben.

Wie entstehen Vorurteile?

Vorurteile basieren auf dem schon besprochenen Gruppendenken. Die Gruppen sind Kategorien und wir haben Informationen zu den einzelnen Gruppen abgespeichert. In dem Moment, in dem wir eine Person einer Gruppe zuordnen, werden die Stereotype auffallend. Jeder von uns gehört verschiedenen Gruppen an. Nehme ich eine blonde Frau als blonde Frau wahr, habe ich andere Vorurteile, als wenn ich sie als Akademikerin oder Vorstandsmitglied eines Konzerns sehe.

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Welche Rolle spielen Medien bei der Bildung von Vorurteilen?

Man kann nicht sagen, dass Medien nur eine gute oder nur eine schlechte Rolle spielen. Medien kommunizieren Stereotype und das kann auf der einen Seite die Stereotype verfestigen, aber andererseits einzelne Vorurteile auch aufweichen. Beispielsweise wenn Gruppen, vor allem in Serien und Sitcoms, nicht den gängigen Vorurteilen entsprechend dargestellt werden. In der Werbung wird allerdings hauptsächlich mit Stereotypen gearbeitet.

Welche Möglichkeiten gibt es Vorurteilen entgegenzuwirken?

Durch Kontakt zu anderen Gruppen und Mitgliedern dieser Fremdgruppen werden Antipathien in einem ersten Schritt abgebaut. Es gibt mehrere Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um Vorurteilen entgegenzuwirken. Eine ist etwa, dass man ein gemeinsames Ziel oder eine Aufgabe hat, an der man kooperativ zusammenarbeitet. Außerdem braucht es Gesetze und Institutionen, die darauf achten, dass es zu keiner Benachteiligung kommt. Eine wichtige Bedingung ist, dass Gruppen den gleichen Status haben und keine Gruppe mehr Macht hat als die Andere. Außerdem muss es in der Gesellschaft soziale Normen geben, die Vorurteile bestrafen.

 

Veranstaltungshinweis:

21. Oktober 2014
Wir und die anderen: Was uns die Sozialpsychologie zum Thema Vorurteil sagen kann
Joanneumsviertel – Auditorium – 18.30 Uhr
Vorurteile sind ein weltweites soziales Phänomen, das das Zusammenleben in der Gesellschaft maßgeblich beeinflusst. Ursachen, Mechanismen und die Möglichkeiten des Abbaus von Vorurteilen werden im Laufe der Veranstaltung thematisiert.
Vortrag: Ursula Athenstaedt, Institut für Psychologie
Impulse: Joachim Hainzl (Verein Xenos) und Stefan Benedik (Uni Graz)

Um Anmeldung wird gebeten unter: vielfalt@isop.at

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