„Ich kann 17 Heimaten haben“

Gibt es die eine Heimat auf Lebenszeit in einer globalisierten Welt überhaupt noch oder muss man im 21. Jahrhundert richtigerweise von Heimaten im Plural sprechen? Mit dem Vortragsabend am 20. Jänner 2015 zum Thema „Vielschichtige, veränderbare Heimaten“ hat die Veranstaltungsreihe „Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt“ einen sehr facettenreichen Begriff zur Diskussion gestellt und ihren vorläufigen Abschluss gefunden.

Landesrätin Bettina Vollath sprach bereits in ihren einleitenden Worten einen essenziellen Aspekt von Heimat an: das Persönliche und die starke emotionale Verbindung. Gerade in schwierigen, unsicheren Zeiten bräuchten Menschen dieses Gefühl des Dazugehörens, so die Politikerin. Der Literat und ehemalige Grazer Stadtschreiber Finston Mwanza Mujila zeigte mit seinem auf Französisch vorgetragenem „Monolog eines Verdammten“ eindrucksvoll, wie sich das Gegenteil anfühlt. Die Schauspielerin Ninja Reichert trug das Gedicht auf Deutsch vor.
 

© Lucas Kundigraber

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„Mit Heimat verbindet jede und jeder Einzelne etwas Besonderes, aber immer etwas Unterschiedliches. Man kann davon ausgehen, wenn Menschen über ihre Heimat sprechen wird es meistens sehr persönlich und sehr emotional.“

Auf die Kunst folgte die Wissenschaft. Laut Univ.-Prof. Dr. Helmut Konrad vom Institut für Geschichte der Universität Graz dient Heimat dazu, Zugehörigkeit zu definieren und zieht notwendigerweise Grenzen:

Finston Mwanza Mujila

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Somit entstehen „wir“ und „die anderen“ – die diese Grenzen respektieren müssen. Dieser Heimatbegriff kann politisch stark aufgeladen werden und zu einem Kampfbegriff verkommen, wie es im Europa des 20. Jahrhunderts oft geschehen ist: Für die Heimat war man bereit zu kämpfen und zu sterben („für die Heimat gefallen“).

 

„Heimat schließt gewisse Menschen ein und andere aus, mit allen Konsequenzen einer solchen Exklusion.“

Historisch gesehen hat sich der Heimatbegriff allerdings stark gewandelt: In der Zeit um den ersten Weltkrieg gab es noch das sogenannte Heimatrecht, womit Gemeinden ihren hier geborenen Bürgern Versorgung im Alter, bei Krankheit und Armut garantierten. Heimat, das war das Heimathaus, die Abstammung, die Antwort auf die Frage: Woher komme ich? Heute, mit unfreiwillig oder freiwillig wechselnden Wohnorten, Studieren in anderen Städten, Auslandsaufenthalten und Ähnlichem ist diese klare geographische Zuordnung oft nicht mehr möglich.

„Ein geographisch verorteter Heimatbegriff ist in Zeiten mobiler Gesellschaften hohl geworden. Egal, ob Wanderbewegungen freiwillig oder erzwungen erfolgen, Heimat ist maximal ein temporärer Begriff.“

 

Dr. Helmut Konrad

© Lucas Kundigraber

Wenn es kein fixer Punkt auf der Landkarte ist, was ist es dann? Helmut Konrad dazu:

„Heimat ist ein Gefühl von Vertrautheit, von bekannten Wegen, von Abläufen und Verhaltensmustern. Heimat ist die Möglichkeit der Kommunikation des Lebens mit jenen Menschen, mit denen man verbunden ist oder sich verbunden fühlt, sei es durch ähnliche Lebenswege, sei es durch die simple Akzeptanz des jeweiligen Andersseins.“

Helmut Konrad möchte Heimat voluntaristisch verstanden wissen und im Plural – Heimaten eben.

„Das kann ein Stammlokal, ein Fußballverein, ein Urlaubsort, ein Studienaufenthalt im Ausland und vieles mehr mitumfassen. Eine solche inflationäre Verwendung erschwert die politische Aufladung. Damit würde dieser Begriff zwar beliebig, aber verwendbar, ohne alle jene auszugrenzen, die sich in Bewegung befinden.“

Heimat ist demnach dort, wo man Geborgenheitsgefühle (auch kurzfristige) hat. Wolf Steinhuber, Gründungsmitglied und Obmann der Steirischen Plattform Bleiberecht, schließt sich der Verwendung im Plural an:

„Für mich stimmt eher die Mehrzahl, ein Aufeinanderfolgen von geographischen und auch zeitlichen Flecken.“

Durch seine Tätigkeit bei der Plattform Bleiberecht, die gegen  Abschiebungen von in Österreich verwurzelten Asylwerbern eintritt, sei der klassische Heimatbegriff für ihn fragwürdig geworden.

Wolfram Dornik, Leiter des Feldbacher Heimat.Museums im Tarbor, weist auf die ambivalente Konnotation von Heimat hin:

„Wir sind ein Heimatmuseum, aber aus Angst vor dem, was mit dem Heimatbegriff mitschwingt, haben wir uns anfangs nicht getraut, das so zu bekunden. Bis ein Freund von mir den Satz gesagt hat: ‚Man muss sich Heimat einfach nehmen.'“

Der Punkt zwischen Heimat und Museum soll zum Nachdenken über beide Begriffe anregen.

© Lucas Kundigraber

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Das Graz der iranischen Fotografin Maryam Mohammadi, die seit fünf Jahren hier ihren Lebensmittelpunkt hat, bilden ihre Freunde, Lieblingscafes und Lieblingsstraßen. Als iranische Staatsbürgerin darf sie in Graz nicht wählen, die Möglichkeit einer Doppelstaatsbürgerschaft gibt es aber in Österreich nicht.

„Ich habe viele Heimaten, viele Orte, wo ich mich zuhause fühle. Aber man erlaubt mir nicht einmal zwei offizielle Heimaten.“

Am 12. Juni 2015 verdichtet ein Symposium nochmals die Inhalte der von Katharina Scherke (Uni Graz) und Robert Reithofer (Verein ISOP) organisierten Veranstaltungsreihe „Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt“. Zusätzlich werden Werke von rund zehn KünstlerInnen gezeigt, die sich mit den behandelten Themen auseinandergesetzt haben (kuratiert vom Kunstzentrum <rotor>).

 

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