Verstehen und überwinden: Was hinter Vorurteilen steckt

Wissenschaftliche Blitzlichter zum Nachlesen: Am  21. Oktober gab Ursula Athenstaedt, Professorin für Psychologie in Graz, Einblicke in Sozialpsychologie. Die Erkenntnis: Vorurteile sind ein starkes Gebilde, mit der richtigen Herangehensweise kann man sie aber in Schach halten.

Artikel 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Würden sich alle Menschen diesen Artikel permanent vor Augen halten, dürfte es keine Vorurteile geben, meinte Athenstaedt, die an der Karl-Franzens-Universität in Graz Psychologie unterrichtet, in der Einführung zu ihrem Vortrag. Innerhalb der Diskussionsreihe „Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt“ lieferte sie am 21. Oktober den theoretischen Input zum Thema Sozialpsychologie und Vorurteile.

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Drei Aspekte von Vorurteilen
Das psychologische Konstrukt der Vorurteile ist sehr stark, erklärte Athenstaedt. Nicht nur die kognitive Komponente – also das Schubladendenken, die Stereotype, die wir zu Gruppen haben – ist entscheidend. Genauso wichtig ist die affektive Komponente, also die Gefühle, die wir den Gruppenangehörigen entgegenbringen, seien es Sympathien oder Antipathien. Außerdem verhalten wir uns auf der Basis unserer Vorurteile anders. Das zeigt sich schon, wenn wir einem Mitglied einer bestimmten Gruppe aus dem Weg gehen.

Rechtfertigung oder Unterdrückung?
Vorurteile habe man, sobald man glaube, über eine Gruppe ein bestimmtes Wissen zu haben, führte Athenstaedt aus. Der entscheidende Unterschied sei, ob man sie offen zeigt oder unterdrückt. Das hängt von gegengesetzten Mechanismen ab: Rechtfertigungsmechanismen und Unterdrückungsmechanismen. Einerseits glauben wir, dass unsere Vorurteile begründet sind. Manche Menschen glauben an eine „gerechte Welt“, also daran, dass jeder das bekommt, was er verdient. Zusätzlich haben wir ein starkes Systemerhaltungsbedürfnis und wollen nicht, dass sich die aktuellen Verhältnisse ändern.

Dem gegenüber stehen  Unterdrückungsmechanismen. Das sind unter anderem liberale Einstellungen, der Glaube, dass alle ein Recht auf ein besseres Leben haben. In diese Kategorie fallen auch soziale Normen: In der Gesellschaft ist es oft nicht in Ordnung, Fremdgruppen zu verurteilen.

Wenn die Rechtfertigung überwiegt, zeigen wir Vorurteile offen. Ansonsten versuchen wir, sie zu unterdrücken.

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Mitgründe von Vorurteilen
Die Sozialpsychologie  machte schon zahlreiche spannende Entdeckungen dazu, was Vorurteile beeinflusst und wie sie in der Gesellschaft mitspielen. Athenstaedt zeigte in ihrem Vortrag auf, dass gut gelaunte Menschen eher zu vorschneller Verurteilung neigen. Wenn wir Hochstimmung haben, lassen wir uns eher vom Bauchgefühl leiten.

Die Wissenschaftler Hovland und Sears fanden heraus, dass Vorurteile in Zeiten knapper Ressourcen zunehmen. Sie verglichen Wirtschaftsfaktoren und die Anzahl von schwarzen Mordopfern im Süden der USA: Immer, wenn die Wirtschaftslage schlecht war, wurden deutlich mehr Schwarze Opfer von Anschlägen.

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Vorurteile überwinden
„Die gute Nachricht: Vorurteile lassen sich abbauen! Das Wichtigste dafür ist der Kontakt zu anderen Gruppen“, so Athenstaedt. Allerdings reiche das allein nicht, es müssten noch sechs weitere Bedingungen erfüllt werden:

  • Die unterschiedlichen Gruppen brauchen gemeinsame Ziele und müssen zu ihrer Erreichung kooperieren.
  • Beide Gruppen müssen beim Kontakt den gleichen Status haben.
  • Es braucht unterstützende Institutionen und Gesetze, die gegen Vorurteile wirken.
  • Der Kontakt zwischen Gruppen muss in freundlicher, zwangloser Umgebung geschehen.
  • Wichtig ist der Bezug zu mehreren Gruppenmitgliedern. Lernt man nur eine einzelne Person kennen, sieht man diese gern als Ausnahme der Regel an.
  • Soziale Normen sollen es unerwünscht machen, dass man Vorurteile äußert.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann man Vorurteile überwinden. „Einfach ist das allerdings nicht. Es bedeutet ein hartes Arbeiten, nicht an den anderen, sondern an uns“, mahnte Athenstaedt abschließend.

Den vollständigen Nachbericht des Abends inklusive vieler Zitate der Vortragenden finden Sie hier: http://www.vielfaltalschance.at/die-anderen-gibt-es-nicht-wir-sind-die-anderen-die-anderen-sind-wir/

 

Nächste Veranstaltung:

9. Dezember 2014
Vom Diskriminierungsverbot zu effektiver Gleichheit
Joanneumsviertel – Auditorium – 18.30 Uhr
Ausgehend vom Befund der sozialwissenschaftlichen Forschung, dass die sozio-ökonomische Stratifikation sowie ethnische Hierarchisierung von Gesellschaften sich zum Nachteil von Angehörigen bestimmter Gruppierungen gegenseitig verstärken, unternimmt es der Vortrag, die Entwicklung des Andiskriminierungsrechts in Europa und Nordamerika sowohl auf nationaler Ebene wie europäischer Ebene daraufhin zu untersuchen, wie mit diesen Benachteiligungen rechtlich umgegangen und ob Rechtssetzung durch Parlamente sowie Rechtsprechung durch Gerichte adäquat darauf eingehen.
Vortrag: Joseph Marko, Institut für Österreichisches, Europäisches und Vergleichendes Öffentliches Recht, Politikwissenschaft und Verwaltungslehre
Impulse: Daniela Grabovac (Andidiskriminierungsstelle des Landes), Fred Ohenhen (ISOP), Sabine Schulze-Bauer (Landes-Gleichbehandlungsbeauftragte)

Um Anmeldung wird gebeten unter: vielfalt@isop.at

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