„Sinn in letzter Lebensphase“

Gemeinsam leben und gemeinsam altern im Kindergarten ist in der Elementarpädagogik längst gang und gäbe. Ein Beitrag über generationsübergreifende Pädagogik, sinnstiftende Effekte und die Ausgrenzung von Randgruppen – mit Erklärungen und Statements von Gunthilde Traby, Professorin für Pädagogik, Didaktik und Kindergartenpraxis an der Bundeslehranstalt für Kindergartenpädagogik Graz. 

Intergenerative Pädagogik ist eine Sonderform in der Kindergarten- wie in der Kinderkrippenpädagogik, die zwei verschiedene Generationen zusammenführt: sehr junge Kinder von 0 bis 6 Jahre und Senioren und Seniorinnen. Normalerweise werden beide Generationen weit voneinander getrennt, in eigenen „Einrichtungen“ untergebracht und voneinander isoliert betreut und beschäftigt. Damit einhergehend wird auch eine Entmischung der Generationen betrieben. Die intergenerative Pädagogik hingegen vermittelt zwischen den beiden Lebenswelten und verbindet sie.

Mag.ª Gunthilde Traby im Gespräch

Welchen Sinn intergenerative Pädagogik für ältere Mitmenschen hat, entschließt sich laut Gunthilde Traby, Professorin für Pädagogik, Didaktik und Kindergartenpraxis an der Bundeslehranstalt für Kindergartenpädagogik Graz (BAKIP), folgendermaßen: „Ich glaube, intergenerative Pädagogik bedeutet eine Anregung für SeniorInnen. Sie finden einen Sinn in ihrer letzten Lebensphase in einem Heim – eine Komponente, die ja nicht mehr so wirklich gegeben ist, da die Gesellschaft sie eher absondert.“

Viele ältere Mitmenschen leiden, sobald sie in einer Institution untergebracht werden, unter Vereinsamung. „Oftmals brechen Verwandte auch den Kontakt ab. Ein junges Kind ist ein spontanes Wesen, das im Normalfall auf alte Menschen zugeht, wenn es merkt, dass es emotional angenommen wird. So etwas tut alten Menschen gut, weil sie sich daran erfreuen können. Und weil der Tag in den Phasen, die sie mit Kindern gemeinsam verbringen,  erfüllter wird.“ Intergenerative Pädagogik kann also bewirken, älteren Mitmenschen Kraft und Lebenssinn zurück zu geben. „Ich glaube, es geht auch immer um diese sinnstiftende Kraft. Dass Senioren und Seniorinnen merken: Das Kind interessiert sich für eine Sache, und ich kann in dieser Sache vermitteln. Dann hat das Leben wieder einen Sinn. Und davon zehrt man wieder“, so Traby.

Großeltern finden keine Zeit für Enkelkinder

Laut Traby ist es heutzutage so, dass Kinder ihre Großelterngeneration wenig erleben. Dies ist darauf zurückzuführen dass Großeltern sich meist noch im Berufsleben befinden, die räumliche Distanz teilweise zu groß ist oder aber Großeltern schlicht und einfach keine Zeit für ihre Enkelkinder finden. „Die jetzige Großelterngeneration, da spreche ich von Menschen zwischen 60 und 70, fühlt sich ja noch nicht so alt. Die finden sich in einem gewissen Trend wieder, sie können reisen, Träume verwirklichen, da bleibt nicht viel Zeit für Enkelkinder.“ 

Durch intergenerative Zusammenarbeit finden Kinder ein anderes Bild von Großeltern vor – sie erleben ältere Menschen, die Zeit für sie haben. „Und das tut dem Kinde gut, wenn sich jemand für das Kind interessiert, der bei dem Kind ist. Der zuhört, der vertraut. Natürlich gibt es Kinder, die sich zuerst distanziert verhalten, die erst gewöhnt werden müssen an die Situation – gleichfalls bei SeniorInnen.“

Unterschiedliche Modelle, unterschiedliche Aktivitäten

Senioren und Seniorinnen unternehmen, je nach Modell der intergenerativen Pädagogik, unterschiedliche Aktivitäten mit Kindern. Iris Rinner beispielsweise ist im Generationenhaus in Stattegg, Graz, als Kinderkrippenpädagogin tätig und betreibt mit ihren KollegInnen gezielt intergenerative Arbeit. Da sich beide Gruppen im Haus befinden, kommen die SeniorInnen meistens in die Kinderkrippengruppe, um am Alltag aktiv teil haben zu können:
„Hierzu zählen zufällige Alltagsbegegnungen, wie Zaungespräche oder eine kurze Begrüßung im Treppenhaus, aber auch gezielte Aktionen, welche vom pädagogischen Team der Kinderkrippe gemeinsam mit den Seniorenbetreuern/Innen geplant werden. Diese finden alle zwei Wochen statt.“

Kinder steigen nur allzugerne in die Fußstapfen der Älteren – wenn man sie nur lässt.

Auch Rinner bemerkt eine gesteigerte Lebensfreude bei den SeniorInnen: „Die Beziehungsarbeit zwischen jungen und alten Menschen stellt für beide Seiten eine enorme Bereicherung dar. Sie stabilisiert die Identität von Senioren und steigert ihre Lebensfreude. Gerade diese Lebensfreude bemerkt man bei unseren SeniorInnen, wenn sie unsere Kinder sehen. Oft stehen sie mit Besuch vor unserem großem Sichtfenster und sprechen von „ihren“ Kindern.“ Auch eine Auseinandersetzung mit Erziehungsweisen findet laut Rinner statt: „Die SeniorInnen müssen sich mit neuen Gegebenheiten, wie etwa mit zeitgemäßen Erziehungsweisen, auseinandersetzen. Sie lernen dabei, eigene Vorstellungen zu hinterfragen und sich auf den heutigen weniger autoritären Umgang mit Kindern einzustellen.

Neben dem Modell, das in der Kinderkrippe von Rinner Anwendung findet, existiert auch die umgekehrte Form: „Kinder kommen SeniorInnen in ihren Wohneinheiten besuchen, meist wenn ältere Menschen nicht mehr so beweglich sind“, erklärt die Fachexpertin Traby und ergänzt: „Für Kinder ist sicher jene Form, in der noch agile und bewegliche SeniorInnen in einen Kindergarten kommen, die attraktivere, da sie Kinder individueller anspricht.“ 

Ausgrenzung der Randgruppen

In Österreich wird intergenerative Pädagogik seit den 90er Jahren forciert, es gibt modellhafte Einrichtungen in Kärnten, Salzburg, Wien und in der Steiermark. In letzterem Bundesland forciert man die Betreuung in einem Haus, wie es auch Iris Rinner erlebt. Als großes Vorbild in der intergenerativen Pädagogik sieht man Schweden sowie die Beneluxstaaten, wo dies schon seit längerer Zeit als zukunftsweisende Pädagogik anerkannt und betrieben wird.

Dennoch sind nicht alle Aspekte der intergenerativen Pädagogik durchwegs positiv, wie auch Traby bestätigt. „Ich habe durchaus auch eine kritische Betrachtungsweise der intergenerativen Zusammenarbeit: Gesellschaftspolitisch gesehen führt man zwei Randgruppen zusammen. Und einiges an Arbeit bleibt an der Kindergartenpädagogin/am Kindergartenpädagogen hängen – die/der aber nicht in der Seniorenanimation ausgebildet ist.“ Weiters entstehen viele solcher Einrichtungen momentan nur sekundär wegen des pädagogischen Nutzens, denn vielen privaten Erhaltern geht es primär um Fördergelder der Europäischen Union (EU), die sie mit Errichtung von intergenerativen Betrieben erhalten.

 

Veranstaltungshinweis:

17. Juni 2014
Zusammenleben – Zusammenaltern: Kulturwissenschaftliche Überlegungen zu Zeit und Erfahrung
Joanneumsviertel – Auditorium – 18.30 Uhr
Älter werden ist nicht einfach, denn es bringt große Veränderungen mit sich. Thema des Vortrags ist wie schwer den Menschen diese Umstellungen fallen, da sie sich gerade im Alter an Ritualen und Kontinuierlichem festhalten wollen.
Vortrag: Roberta Maierhofer, Zentrum für Interamerikanische Studien
Impulse: Sylvia Groth (Frauengesundheitszentrum), Ingrid Franthal (Frauenservice), Franz Küberl (Caritas)

Um Anmeldung wird gebeten unter: vielfalt@isop.at

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