„Österreich ist nicht gut. Österreich ist brillant.“

Vor wenigen Tagen wurde an dieser Stelle von Saad Elshafey berichtet, einem Ägypter, der sich vor 12 Jahren Graz aus freien Stücken als neue Heimat ausgesucht hat. Ebenfalls vor 12 Jahren erreichte auch Herr L.* mit seiner Familie die Steiermark. Und das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Eine Wohnung in der Grazer Innenstadt, es ist später Nachmittag. Küche und Wohnzimmer sind bescheiden eingerichtet und sauber, auch der Vorraum wirkt kaum genutzt. Wir werden freundlich hereingebeten, Frau L. beginnt sofort, Essen zu servieren. Suppe mit Schaffleisch, Reisfleisch, Essiggurken, Gemüse. Bald ist auf dem Tisch kein freier Platz mehr und ich beginne zu ahnen, dass ich besser hungrig hätte kommen sollen. Herr L. ist noch unterwegs, er holt ein nach muslimischem Ritual geschächtetes Schaf vom Schlachter. Von den zehn Kindern sind die meisten noch in der Schule. Zwischendurch läutet ein Handy, Frau L. ist völlig ruhig und entspannt. Die Teller werden randvoll gefüllt, es wird geplaudert, die Sprachbarriere ist hoch. Eine Stunde später Lärm im Stiegenhaus, einer der älteren Söhne schleppt das in Plastik gewickelte Schaf in die Küche und legt es auf den Boden. Herr L. kommt ihm nach, begrüßt uns und setzt sich an den Tisch. Mein Mikrofon behagt ihm gar nicht, er will auf keinen Fall, dass seine Aussagen aufgezeichnet werden. Kein Name, keine Fotos. Es sei viel zu gefährlich, so viele Tschetschenen gibt es nicht in Graz. Würde sein Name im Zusammenhang mit Kritik an Russland oder den Ereignissen in seinem Heimatland veröffentlicht, könnte das sehr gefährlich werden.

Den ersten Krieg (1994-1996) hat Familie L. miterlebt, kurz vor Beginn des zweiten im Sommer 1999 steht eines Tages ein muslimischer Offizier im Haus und legt ihnen unmissverständlich nahe, das Land schnellstmöglich zu verlassen. Herr L. verkauft sein Haus um umgerechnet 1500 Dollar, wert wäre es das Zwanzigfache. Über Umwege erreichen er, seine Frau und fünf Kinder die Slowakei, wo sie in einem Flüchtlingsheim unterkommen. Korruption wird dort sehr groß geschrieben, die Flüchtlingshilfe für drei der Kinder behält der Heimleiter für sich. Elf Monate bleibt Familie L. dort, dann flüchtet sie durch Wälder und Flüsse illegal über die steirische Grenze. Der älteste Sohn ist Schulanfänger, die jüngste Tochter ein Säugling.

Herr L. raucht Zigarillos, er gestikuliert viel und erzählt mit lauter Stimme. Von der Flucht und davon, wie ihm an der Grenze vor Aufregung nur die Spitznamen seiner Kinder eingefallen sind. Von den Zuständen in Tschetschenien, wo die hilfsbereitesten Menschen leben, wo Gastfreundschaft so wichtig ist, dass man sogar von der Arbeit wegbleibt, wenn sich Besuch ankündigt. Wo große Familien ganz normal sind, kaum ein Paar hat weniger als sieben Kinder. Er spricht von den Bodenschätzen, vom Öl, das im eigenen Garten sprudelt. Und vom Gold, das man sammeln kann wie hier die Eierschwammerl.

Quer durch die ganze Steiermark geht die Reise, bis die L.’s schließlich in Graz einen festen Wohnplatz finden. In Tschetschenien haben sie jede Nacht Angst gehabt, sagt Frau L. Nach ihrer Ankunft in Österreich haben die Kinder zwei Tage durchgeschlafen. Während des ersten Krieges habe er nur eine einzige Minute keine Angst gehabt, meint Herr L.

Er ist ausgebildeter Schweißer, in Tschetschenien hat er bei einer Baufirma gearbeitet und in seiner Freizeit gern alte Sachen ausgegraben. Außerdem ist er ein guter Mechaniker, ein Blick genügt, um zu wissen, was an einem Auto kaputt ist. Trotzdem findet er keine ordentliche Arbeit, obwohl er jeden Termin beim AMS vorbildlich wahrnimmt. Die Kinder gehen in die Schule, der Älteste hat vor sieben Monaten selbst eine Familie gegründet.

„Russland, Tschetschenien, die Slowakei – das alles ist schlecht. Schlechte Politik, Krieg, viel Korruption. Österreich ist nicht gut, Österreich ist brillant. Gute Leute, guter Staat, gute Politik. Es gibt keine Probleme hier. Wenn ich noch hundert Jahre lebe, werde ich hundert Jahre jeden Tag dankbar sein. Dankbar dafür, dass es für uns zwölf Menschen hier Platz und Hilfe gibt. Ich bin patriotisch für Österreich, Millionprozent!“

Mittlerweile sind drei Stunden vergangen, nach und nach sind alle Kinder aus der Schule nach Hause gekommen. Herr L. gießt uns noch eine Runde lettischen Wodka ein. Es ist die vierte. Er wird jetzt dann das Schaf zerteilen. Der Vorraum ist übersät mit wild durcheinanderliegenden Schuhen. Wir sollen unbedingt wiederkommen, wann immer wir möchten. Aber dann bitte ohne Mikrofon.

 

*Name geändert

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