Monolog eines Verdammten

Bei der Auftaktveranstaltung „Menschenrechte zwischen Anspruch und Realität“ in der Aula der Karl-Franzens-Universität am Dienstag, 5. November blieb vielen ein Beitrag gut in Erinnerung: Der literarische Einstieg in das Thema von Fiston Mwanza. Verpasst? Hier gibt es seinen an Frantz Fanon angelehnten „Monolog der Verdammten“ in französischer Sprache zum Nachlesen und Anhören.

Menschenrechte6

MONOLOG EINES VERDAMMTEN

Für Solo-Saxophon

(Lachen)

Erbrechen ist ein Recht
Genauso wie die Weigerung zu essen
Ich werde das nicht zweimal sagen
Ich habe es satt, der Sündenbock zu sein, der Verfluchte, der Verdammte, der Idiot der Republik, der Arbeitslose, der Immigrant, der Arme, der Dumme zu sein, der Asylsuchende, der Neger
Genug von diesem Hundeleben!

Um mich meiner Hoffnungslosigkeit zu entledigen
Lasst mich erbrechen
Mein Blut erbrechen
Mein Herz erbrechen
Meine Eingeweide erbrechen
Meinen Speichel erbrechen
Mein Sperma erbrechen
Meinen ganzen Leib erbrechen
Und den Mief einer Zivilisation
Dieser syphilitischen Gesellschaft
Meinen Hunger erbrechen
Meinen Ekel erbrechen
Meinen Zorn erbrechen
Die Pechsträhne erbrechen, die ich mitschleppe
Seit ich mich im Schoß meiner Mutter befand
Für Jahrhunderte und eine Ewigkeit
AMEN

Ja, mein Zigeuner-Schicksal erbrechen
Mein Gesicht erbrechen
Mein Geschlecht erbrechen
Meinen Namen erbrechen
Meine Familie erbrechen
Meine Genealogie erbrechen
Meine Götter erbrechen
Mein Land erbrechen
Meine Rasse erbrechen, die Rasse von Verfluchten, von Häftlingen, Bettlern, Sklaven, Schimpansen, Dreckskerlen, illegalen Einwanderern und Neurotikern.

Schon sickert mir Rotz aus meinem Mund
Und meine Zähne blockieren
Verrenken sich
Tanzen einen Tango
Durch das Zerkauen meines eigenen Fleisches
Was ist das nur für ein Zirkus?
Haben Sie noch nie einen Neger gesehen, einen Dreckskerl, einen Debilen, einen Pechvogel, einen Kannibalen, einen Untoten, einen Kadaver?
Mein Körper, dieser bis aufs Blut ausgesaugte Körper, dieser vergängliche Körper, dieser kaputt gemachte Körper, dieser In-vitro-Körper, dieser ausgestattete Körper, dieser Körper eines Dieners, dieser Müll- Körper, dieser privatisierte Körper, dieser Ur-Bantu-Körper, dieser in Ketten gelegte Körper, dieser Blutbad-Körper, dieser Abfall-Körper, dieser leere Körper, dieser transplantierte Körper, dieser kolonialisierte Körper, dieser unterentwickelte Körper, dieser vergegenständlichte Körper, dieser verschlossene Körper, dieser immatrikulierte Körper, dieser kastrierte Körper, dieser vertriebene Körper, dieser geköderte Körper, dieser protokollierte Körper, dieser Corpus-Körper möchte sich aus seinem Körper des Verdammten befreien!

(Lachen)

Frage: wozu mich in eure Zivilisation zwängen, um mich dann mit Knüppelschlägen zu verjagen?
Wenn ihr keine Antworten auf meine Alpträume habt, dann lasst mich erbrechen.
Erbrechen, erbrechen, erbrechen, erbrechen, erbrechen, erbrechen
Bis zur Erschöpfung
Bis ich das Bewusstsein verliere
Bis ich an meinem Erbrochenen krepiere!

Übersetzung aus dem Französischen: Gerhard Teissl

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