„Mir gefällt das Wort Vorurteil nicht so gut“

Die österreichische Journalistin Gudrun Harrer gilt als Expertin für den Nahen Osten. Seit 2007 ist sie leitende Redakteurin bei der Tageszeitung „Der Standard“, vor Kurzem stellte sie ihr neues Buch „Nahöstlicher Irrgarten“ an der FH JOANNEUM Graz vor. Ein Kurzinterview über transportierte Vorurteile durch Medien.

Welche Vorurteile haben Sie selbst gegenüber dem Nahen Osten?
Ich behaupte von mir, dass ich nie den romantisierenden Zugang vieler Orientalisten gehabt habe. Möglicherweise habe ich das Vorurteil, dass es dort chaotisch zugeht und Uhrzeiten nicht genau eingehalten werden. Ich glaube sogar, dass ich das in einigen Fällen empirisch belegen kann.

Gibt es Vorurteile der österreichischen Gesellschaft, mit denen Sie besonders oft konfrontiert werden?
Ich widerspreche ständig vielen dieser Vorurteile der Gesellschaft. Zum Beispiel dem Vorurteil, dass Frauen dort schwach seien. Natürlich sind sie gesetzlich und religiös benachteiligt, darüber gibt es gar keine Diskussion. Ich halte die nahöstlichen Frauen in anderen Strukturen allerdings für mächtig. Sie haben in einer funktionierenden nahöstlichen Familie viel zu sagen.

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Welche transportierten Vorurteile anderer Medien stören Sie besonders?
Mich stört der manichäische Zugang – sozusagen Licht und Dunkelheit. Nach dem Motto „Wir sind das Reich des Lichts und dort ist das Reich der Dunkelheit“. Ich glaube, dass das einfach geschichtspopulistisch ist. Es lässt sich nicht leugnen, dass diese Region und der Islam momentan in einer sehr großen Krise stecken. Aber wir haben selbst auch große Krisen erlebt. Die Darstellung der Medien ist manchmal sehr, sehr vereinfachend. Auch die USA werden zwar punktuell kritisiert, aber prinzipiell schauen wir uns einfach viel zu selten unsere eigene europäische Geschichte und unseren Beitrag zur Geschichte des Nahen Ostens an. Es wird nur das westliche Narrativ zu den Geschehnissen berichtet.

Könnten zusätzliche Auslandskorrespondenten der österreichischen Medien zu einer Änderung führen?
Ich glaube schon, dass es sehr wichtig ist, dass man die authentische Berichterstattung der Auslandskorrespondenten hat. Wenn man nur jemanden in das Gebiet schickt und er dann jemandem das Mikrofon unter die Nase hält, ist das zu wenig. Ein guter Korrespondent muss schon ein bestimmtes Hintergrundwissen haben. Sie sind die Stimme der Leute an uns. Natürlich würde das den Umgang mit Vorurteilen ändern.

Nachrichten spielen bei der Bildung von Vorurteilen eine wesentliche Rolle. Wie können Sie im Ressort Außenpolitik „vorurteilsfrei“ berichten?
Mir gefällt das Wort Vorurteil nicht so gut. Ich würde bestreiten, dass es totale Objektivität gibt, aber das muss noch kein Vorurteil sein. Jeder ist subjektiv und jeder trägt seine Person in seinem Schreiben mit sich. Meine Arbeit verstehe ich sehr, sehr stark als eine Beschreibende. Zu versuchen, zu beschreiben und zu erklären, warum gewisse Sachen so sind wie sie sind. Ich glaube, dass man immer das ganze Bild beschreiben soll. Nehmen wir als praktisches Beispiel den Islamischen Staat im Irak. Ich versuche bei jedem längeren Artikel auch hineinzubringen, dass die schiitischen Milizen wirklich menschenrechtsunwürdig gegen sunnitische Bürger vorgehen – das werden Sie nicht oft so in anderen Medien finden. Aber ich glaube, dass das für das Gesamtbild ganz wichtig ist.

Sie haben sich mehrfach mit Rassismus in den Medien befasst. Wie würden Sie die aktuelle Situation beschreiben?
„Unser“ Antisemitismus ist immer latent da. Er sucht sich jetzt andere Ventile, weil er gesellschaftlich nicht mehr erwünscht ist. Was Islamfeindlichkeit betrifft, spielt sich schon vieles ab. Beschreibungen des Islam sind einfach eindimensional. Es wird etwas Islam genannt, das nicht der Islam ist, sondern irgendeine bestimmte Richtung. Ich glaube nicht, dass etwas besser geworden ist. Alle Medien kann man allerdings im Umgang nicht gleichstellen. In allen Qualitätsmedien bemühen sich alle Leute – Fehler werden allerdings immer passieren. Da wird es immer Aufschreie geben und man muss sich selbstkritisch analysieren.

Das Interview führten Eva Kienzl und Maximilian H. Tonsern.

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