Migration als Chance, Risiko und Normalität

Vor einer Woche fand im Rahmen der Vortragsreihe „Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt“ die Veranstaltung zum Thema „Migration als historische Normalität am Beispiel des Migrationsraums Steiermark“ statt. Ein Abend, der aufzeigte, warum Migration normal ist, warum nicht und wie die Steiermark auch durch Migranten zu dem Bundesland geformt wurde, das es jetzt ist.

Den Abend eröffnet hat SPÖ-Landesrätin Dr. Bettina Vollath, die die steirische Charta des Zusammenlebens kurz vorstellte und den Gästen die Beweggründe des Landesrates und die Notwendigkeit der Charta erklärte. Außerdem wurde ein Film, der von Journalismus und Public Relations-Studenten der FH JOANNEUM produziert wurde, vorgeführt, der an diesem Abend als Impuls und Denkanstoß dienen sollte.

Maryam Mohammadi war die nächste Vortragende an diesem Abend. Die iranische Fotografin ist seit 2009 in Graz und hat seitdem mehrere Projekte in Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen wie ISOP und <rotor> durchgeführt. Ihr letztes Projekt, „Es liegt in Frauenhänden“, zeigt auf dramatische Weise, dass nur ein paar wenige Erinnerungsstücke und lieb gewonnene Gegenstände bei der Migration oder Flucht aus ihrem Land mitgenommen werden konnten und wie viel zurückgelassen werden musste. Es zeigt wie einschneidend das Auswandern ist. (Mehr über Maryam Mohammadi gibt es hier)

„In Österreich war die Auseinandersetzung mit Migration ein Randthema“

Prof. Dr. Karin Schmiedlechner versuchte das Thema Migration auf einer wissenschaftlichen und distanzierten Ebene zu betrachten. Gerade das Thema der Migration und der Migranten wird in der Politik sehr emotional diskutiert. Sie zeigte auf, dass es Migrationen schon immer gegeben hat, dass sie kein neues Phänomen ist und wie unterschiedlich die Beweggründe, zeitliche und räumliche Dimensionen der Migration sind.

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Die Forschung über Migrationsbewegungen in der Steiermark brachte interessante Ergebnisse zu Tage. So kamen im 16. und 17. Jahrhundert hauptsächlich italienische Kaufmannsfamilien ins damals noch steierische, heute slowenische, Ptuj, nach Leoben und nach Graz. Im 19. Jahrhundert gab es im Rahmen der Industrialisierung weitere Migrationsströmungen in die Steiermark, da Arbeiter für die neuen Fabriken und Landwirtschaftsbetriebe benötigt wurden. Dies führte zu einem raschen Wachstum. Die Bevölkerungszahl der Stadt Graz wuchs zwischen 1869 und 1910 um 96%, verdoppelte sich also fast. Rund 70% der in Graz Beschäftigten im Jahr 1890 kamen nicht aus Graz, viele davon aus der Untersteiermark (heute Slowenien). Diese Arbeiter ließen sich hauptsächlich in der „Murvorstadt“, den heutigen Bezirken Lend und Grieß nieder. Außerdem ist anzumerken, dass es bei den Migranten um 1890 10% mehr Frauen als Männer gab. Dies lässt sich durch den großen Bedarf an häuslichen Dienstboten und -mägden erklären, der zu dieser Zeit herrschte.

 Chancen im Schweizer Schlaraffenland

Migration bedeutet allerdings nicht nur Einwanderung, sondern auch Auswanderung. Der nächste Teil der Veranstaltung wurde von Mag. Dr. Ute Sonnleitner gestaltet, die sich mit österreichischen Auswanderern zwischen 1945 und 1955 auseinandersetzte. In dieser Zeit war das Lohnniveau in der Steiermark relativ niedrig und viele Menschen sahen ihre Zukunft im Ausland. Ein sehr beliebtes Ziel in dieser Zeit war die Schweiz. Neben der Erforschung dieser Migrationsbewegung, ging es in ihrer Arbeit auch darum, den Mythos der einseitigen Migration, das heißt, dass in der Steiermark nur ein- und nicht ausgewandert wird, zu zerstreuen.

In der Schweiz wurden Arbeitskräfte, ebenso wie in der Steiermark, dringend benötigt. Die Steirer als auch die Eidgenossen suchten Arbeiter im Industrie- und Landwirtschaftsbereich, was zum Schluss kommen lässt, dass es nicht ein Mangel an Arbeitsstellen in der Steiermark war, der die Menschen in die Schweiz wandern ließ, sondern die Verlockungen des Schweizer Paradieses. Den Vortrag von Mag Dr. Sonnleitner kann man hier in Gänze nachhören.

„Gastarbeit“ als Euphemismus

Mag. Verena Lorber beschäftigte sich mit dem Schicksal ausländischer Gastarbeiter in der Steiermark. Eröffnet wurde ihr Vortrag mit den Worten von Ivanka, einer Gastarbeiterin aus dem heutigen Slowenien: „Ich habe aber null Ahnung gehabt, was auf mich zukommt.“ Ivanka kam, wie viele andere Gastarbeiter zwischen 1961 und 1975, zu Zeiten des Wirtschaftswunders, in die Steiermark. Mag. Lorber hält aber fest, dass das Wort „Gastarbeiter“ ein Euphemismus für die Lebensrealität der ausländischen Arbeitskräfte ist, denn „Gäste behandelt man anders“.

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Durch den Boom der österreichischen Wirtschaft als Folge des Wirtschaftswunders konnte die benötigte Arbeitskraft nicht mehr allein durch Österreicher gedeckt werden. Um den bedarf zu decken, verhandelte Österreich Verträge mit Jugoslawien, Spanien und der Türkei, wobei dem Abkommen mit Spanien kaum Bedeutung zukam, da potentielle spanische Gastarbeiter durch das niedrige Lohnniveau eher abgeschreckt wurden. Generell waren die Gastarbeiter fast ausschließlich Jugoslawen. Von den 7333 Gastarbeitern, die bei der Volkszählung 1971 erfasst wurden, stammten 99% aus Jugoslawien, das verbleibende Prozent war größtenteils türkischer Herkunft.

Die Ölkrise und die damit einsetzende Rezession veranlasste die Österreichische Regierung, ihre Einwanderungspolitik zu überdenken. Es wurde ein Anwerbestopp durchgesetzt, allerdings fand zu diesem Zeitpunkt bereits eine Art Verselbstständigung der Arbeitsmigration statt. Die bereits ansässigen Gastarbeiter holten ihre Familien aus ihren Ursprungsländern nach Österreich und neue Arbeitsmigranten kamen als Touristen nach Österreich, blieben dann aber langfristig in der Steiermark.

Die Straße als Begegnungsort

Migration hat nicht nur Auswirkungen auf die Ziel- und Herkunftsländer der Migranten, sondern auch auf die Länder und Transiträume dazwischen. Mag. Manfred Pfaffenthaler hat sich mit der sogenannten „Gastarbeiterroute“ auseinandergesetzt. Eine Verbindung von Norddeutschland bis an den Bosporus, durch die viele Gastarbeiter in ihre neue Heimat kamen. In der Steiermark verlief diese vom Ennstal über Leoben, Bruck an der Mur, Peggau und schließlich bis zum Grenzübergang Spielfeld. Diese Route war aber für jeden Arbeitsmigranten unterschiedlich lang. Der Slowene, der in Graz arbeiten wollte musste natürlich nicht so einen langen Weg hinlegen, wie der türkische Gastarbeiter in Hamburg.

Diese Route veränderte auch ihr Umfeld. Am Grenzübergang Spielfeld entwickelte sich ein eigener, kleiner und vor allem erfolgreicher Wirtschaftsraum mit Tankstellen, Trafiken und anderen Geschäften. Außerdem entstand bei Mautern der „Moslemrastplatz“, der speziell an die Bedürfnisse muslimischer Reisender angepasst wurden. So wurden die Mahlzeiten dort ohne Schweinefleisch hergestellt und es wurde sogar ein provisorisches Gebetshaus eingerichtet.

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Doch die Gastarbeiterroute hatte auch ihre negativen Seiten. Die viel befahrene Straße, die zum Teil durch kleine Dörfer führte, wurde schnell zur riskantesten Strecke in Österreich. Die Gastarbeiterroute wurde zu „Europas Todesstraße“. Zusätzlich zu der Überlastung der Infrastruktur, waren viele Fahrer bereits stark erschöpft, wenn sie Österreich erreicht haben. Ein Großteil der Durchreisenden waren bereits zehn bis 20 Stunden unterwegs, als sie die Grenze zu Österreich passierten. Auch in der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die unliebsame Strecke. Einige Dörfer, durch die die Route führte, riefen sogar zum Sitzstreik auf, um die Straße zu blockieren. In den Medien wurde ein negatives Bild gezeichnet. Es wurde vom „Orientkonvoi“ und der „Karawane der Gastarbeiter“ gesprochen.

Wird in Graz Multikulturalität gelebt?

Mag. Godswill Eyawo, diplomierter Sozialarbeiter, Pädagoge und Geschäftsführer des MigrantInnenbeirates Graz war der nächste Vortragende an diesem Abend. Er sprach über Multikulturalität als Normalität, wie sich Bevölkerung aber auch Diskriminierung in den letzten Jahren verändert hat.

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Mag. Eyawo betont, dass Migranten aus, zum Beispiel, Slowenien, Serbien oder Polen, einen Vorteil gegenüber Migranten aus Afrika, Asien oder Südamerika haben. Sie sind weiß und werden daher von der Bevölkerung weniger kritisch aufgenommen und schneller akzeptiert. Eine aktuelle Herausforderung für die Politik in diesem Bereich ist, die Migranten davon zu überzeugen, dass sie positiv hier aufgenommen werden.

Für ihn hat sich Diskriminierung und Rassismus in der letzten Zeit gewandelt. Rassismus ist nicht mehr offensichtlich, wird nicht mehr öffentlich gemacht, sondern passiert subtil und unterschwellig, egal ob am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche oder bereits bei Kindern in der Schule.

Migration ist für die Einzelperson nie normal

Zum Abschluss der Vorträge sprach Mag. Silvia Göhring, seit über 20 Jahren Pädagogin und in der Erwachsenenbildung tätig, über die Unterstützung, die Migranten in der Steiermark erfahren.

Als der Ostblock zusammenbrach, Rumänen und Bulgaren nach Österreich kamen, standen Gesellschaft, NGOs und andere Unterstützungsorganisationen vor einer Herausforderung. Am Anfang wurden 6-wöchige Deutschkurse angeboten. Für Menschen, die kaum Erfahrung mit der Sprache haben, ist es in dieser Zeit fast unmöglich, Deutsch in einer adäquaten Form zu verstehen, geschweige denn zu sprechen. Mag. Göhring spricht hier von einer gewissen „Naivität“ mit der an dieses Thema herangegangen wurde. Forschungen zu Ausländerpädagogik gab es in Deutschland, in Österreich hingegen war dieses Feld der Bildung noch relativ unbearbeitet.

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Außerdem war langfristige Migration und Einwanderung ein Novum. Gastarbeiter wurden einem Rotationsprinzip ausgesetzt, sie mussten also regelmäßig in die Heimat zurück, Integration fand da nicht statt. Nun mussten sich Gesellschaft und Migranten aufeinander einstellen. Das hieß in Österreich auch eine Konfrontation mit der eigenen Geschichte, die bis in die späten 80er-Jahre gerne verdrängt wurde. Haiders Volksbegehren spaltete die Bevölkerung in dieser Hinsicht, heizte aber die Diskussion um dieses Thema an.

Früher wurde noch eine aktive Rückkehrberatung durchgeführt. Heute bemühen sich viele verschiedene Organisationen, Migranten eine Stimme zu verleihen, sei es durch das Erlernen der Sprache, durch Repräsentation in der Politik durch den MigrantInnenbeirat oder durch die Erforschung der Beweggründe und der sozialen Umfelder der Migranten.

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