„Mehrsprachigkeit ist bei uns die Regel“

Claudia Apetauer ist schon seit 18 Jahren Pädagogin im interkulturellen Kindergarten in der Kinkgasse im Grazer Bezirk Lend. Sie und ihre Kolleginnen betreuen dort insgesamt 65 Kinder, vier von ihnen sprechen Deutsch. In einem Gespräch erzählt sie von Vorbildfunktionen, alltäglichen kulturellen Schwierigkeiten und der Verständigung mit Händen und Füßen.

Wie gehen Sie mit Mehrsprachigkeit im Kindergarten um?

Wir sind offen für alle Sprachen, wir haben 13 verschiedene Sprachen bei uns im Kindergarten und  freuen uns eigentlich, dass wir so ein vielfältiges Sprachangebot haben. Unser Ziel ist es, jedes Kind individuell zu fördern. Wir haben auch Integrationsassistentinnen, die die Kinder in ihrer Muttersprache unterstützen.

Welche Sprachen werden in Ihrem Kindergarten gesprochen?

Der Großteil der Kleinen spricht Türkisch, Kurdisch. Früher, vor etwa 15 Jahren, haben wir hauptsächlich bosnisch- oder kroatischsprachige Kinder gehabt. Das hat sich jetzt geändert.

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Im Kindergarten treffen 13 Kulturen aufeinander.

Bei Ihnen treffen ja 13 verschiedene Kulturen aufeinander. Wie gehen die Kinder damit um?

Kinder sind natürlich ganz offen, schließen sofort Freundschaften, da ist es kein Problem, ob man die gleiche Sprache spricht oder nicht.  Und auch die Eltern suchen sich gezielt unseren interkulturellen Kindergarten aus. Viele deutschsprachige Familien sehen das als Chance, dass ihre Kinder andere Sprachen kennenlernen und andere Kulturen. Auch bei gemeinsamen Festen werden in verschiedenen Sprachen Lieder gesungen. Ich sehe das als ganz besonderen Wert an. Mehrsprachigkeit ist bei uns keine Ausnahme, es ist die Regel.

Wie achten Sie in der Betreuung darauf, dass der Mehrwert Mehrsprachigkeit gefördert wird?

Wir versuchen, die Kinder in ihrer Muttersprache und in Deutsch, zu fördern. Ideal wäre, wenn die Gruppengröße reduziert wird. Dass der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund nicht so hoch ist. Es wäre fein, wenn die Kinder sprachliche Vorbilder in ihrem Alter hätten. Wenn dann in den Gruppen sehr viele Kinder einer Sprache sind, ist es schwierig, weil sie lieber untereinander bleiben und sich den anderen nicht öffnen.

Warum nehmen nur wenige österreichische Familien das Angebot eines interkulturellen Kindergartens in Anspruch?

Wir können das nicht steuern. In diesem Viertel leben viele türkische Familien. Man wählt natürlich eher den Kindergarten in der Nähe. Wohnt keine österreichische Familie in der Nähe, geht das Kind auch nicht bei uns in den Kindergarten.  Hier wohnen kaum österreichische Familien. Das zweite Problem ist einfach,  dass unser Kindergarten vom Äußerlichen nicht sehr ansprechend ist, weil er in einem alten, unscheinbaren Haus ist.  Das ist nicht die Idealvorstellung von einem Kindergarten. Wenn man dann aber hereinkommt, schaut das alles ganz anders aus. Das nächste Problem ist, dass wir keinen Garten haben –  zwar einen kleinen Hof, der ist aber nur für eine Kindergartengruppe. Unseren Garten haben wir in einem abgeschlossenen Areal im Volksgarten.

Nehmen die Kinder Sprache oder Kultur voneinander an? 

Kinder lernen ja immer voneinander. Einige Wortfetzen in der anderen Sprache bleiben dann hängen. Aber es ist nicht so, dass sie die Sprache dann sprechen. Ihnen ist einfach bewusst, was Mehrsprachigkeit und Multikultur bedeutet. Hier bei uns haben sie aber eine gemeinsame Sprache: Deutsch. Am Anfang spricht nämlich jedes Kind in seiner Sprache. Bis sie dann draufkommen: „Ah, mein Gegenüber versteht mich gar nicht.“ Im Zuge des Spielens lernen sie dann, weil sie sich verständigen müssen und wollen.

Wie handeln Sie, wenn Sie als Pädagogin ein Kind einfach nicht verstehen?

Das ist sehr schwierig, aber bei uns alltäglich. Mit Händen und Füßen zeige ich dem Kind alles vor, wie bei einem Kleinkind.  Alles, was ich mit den Kindern mache, begleite ich natürlich sprachlich, und ich wiederhole mich ständig. Dadurch, dass wir Familiengruppen haben, sind die Großen Vorbilder für die Kleinen, und die lernen von ihnen.

Manche größeren Kinder spielen dann für uns Dolmetscher und versuchen, das zu erklären. Es ist individuell verschieden, wann ein Kind zu verstehen und zu sprechen beginnt. Das hängt sehr davon ab, wie viel zu Hause gesprochen wird und wie der Grundstock in der Muttersprache ist. Ist man da sattelfest, geht es mit dem Deutschlernen leichter. Wenn nicht, wird einmal die Muttersprache aufgearbeitet.

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Wie gehen Sie mit der kulturellen und religiösen Vielfalt um?

Wir feiern zum einen katholische Feste, wie das Laternenfest. Wir basteln Laternen und singen Lieder. Nur steht bei uns nicht der Heilige Martin im Vordergrund. Bei uns geht es um die Botschaft, dass man teilen und helfen soll – das ist  ja ein Schwerpunkt in jeder Religion. Aber wir gehen mit religiösen Festen schon sensibel um. Wir gehen nicht in die Kirche und beten auch nicht.

Auch auf das Bayram-Fest nehmen wir zum Beispiel Rücksicht, gratulieren den Kindern und ihren Eltern. Das ist ein großes Thema bei uns, weil die Kinder Mehlspeisen und Zuckerl bekommen oder neue Kleidung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft ihrer Kindergartenkinder?

Wir versuchen immer, dass sich unsere Kinder in die Gesellschaft eingliedern können. Dass das Bilinguale ein Vor- und kein Nachteil und ein ganz besonderer Wert ist. Wir alle, Schule und Gesellschaft und auch Familie, sind dafür verantwortlich.

 

Natürlich werden im Kindergarten auch Weihnachtslieder gesungen. Eine Hörprobe hier:

 

 

 

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