Gloria in excelsis deo

Auch bei der zweiten Veranstaltung von Vielfalt als Chance gestern im Universalmuseum Joanneum zum Thema „Mehrsprachigkeit als Normalität, Ressource und Chance“ setzte Fiston Mwanza Mujila wieder einen künstlerischen Akzent. Seinen Text „Wrack IV/Gloria in excelsis Deo: Auswüchse eines Landes, das nur auf dem Papier existiert“, der sich an Arbeiten von Frantz Fanon anlehnt, hat er speziell für den gestrigen Abend geschrieben und auf französisch vorgetragen. Hier gibt es die deutsche Übersetzung zu hören und lesen sowie das Original als Audiodatei. 

fiston

Wrack IV/Gloria in excelsis Deo: Auswüchse eines Landes, das nur auf dem Papier existiert

Die Stadt ist zu einem Land in der Gewalt der Kalaschnikows geworden. Das Stadt-Land oder das was vom Land übrig geblieben ist, ist einfach abgehauen. Die Propheten der Erwacher-Kirchen kläffen, Jesus Christus sei in Kinshasa geboren, Josef habe in Lesotho gelebt, Abraham sei sudanesischer Nationalität und Judas ein Disc-Jockey in einem Nachtlokal in Johannesburg gewesen. Der Hunger wird ebenso zu einer Jahreszeit wie der Frühling. Die Familienbande zerbrechen. Die Touristen steigen zu Tausenden ab und regieren als Herren und Gebieter, und dazu endlose Ansprachen des Dissidenten-Generals, die auf den 342 Radio- und TV-Kanälen unter seinem Kommando ausgestrahlt werden. Alle heimgesucht von Syphilis und Gonorrhöe, das Pech heraus sickernd, Gonorrhöe.

  Die Rebellen und ihre Paten sprechen den gleichen Dialekt: den Colton-Sex. Business is business. Die Nachbarländer machen ihre Grenzen dicht. Der einzige Weg, der Ozean und seine Haie, die uns sehnsüchtig erwarten, so viel steht fest. Die Hoffnung ist doch nicht verboten. Sterben scheint nur eine Parodie der Befreiung zu sein. Die Sonne bescheißt uns mit Höllenqualen. Und wenn Frau Regen herabfällt, nimmt die Stadt das Aussehen von Venedig ohne Gondeln an.

Das soll uns zu verstehen geben, dass Noah nicht zweimal kommen wird. Für uns bedeutet das, dass wir es nicht länger schaffen, Pärchen von allen reinrassigen Tieren, nämlich Männchen und Weibchen, auf die Arche zu bekommen.

Der Körper wird zu deinem eigenen Land, deinem einzigen und einzigartigen Land und alle Strategien setzen sich in Bewegung, um es von den Flutkatastrophen und den unzähligen Rebellionen wieder aufzubauen. Die Mädchen verbringen ihr ganzes Leben damit, sich schön zu machen, sehr schön sogar. Gescheiterte Sirenen in diesen Elendsvierteln, die sich selbst die Namen Byzanz, Manhattan, Phönizien, Paris VII, Stockholm, Mesopotamien einverleibt haben, sie tragen ihre langen Strähnen wie Eukalyptus und vestalische Kleider zur Schau. Man fragt sich, wie sie es nur schaffen, sich all diese Luxuskleider leisten zu können. Sie parfümieren sich von morgens bis abends. Sie gackern wie die Vögel auf dem Hühnerhof.

Sie stolzieren wie Gottesanbeterinnen. Oder Greta Garbo oder Édith Piaf oder Sylvie Vartan oder Marilyn Monroe oder Romy Schneider oder vielleicht Lady Gaga. Sie ändern ihre Namen jedes Mal, wenn sie die Kleidung wechseln. Sie tätowieren sich die Schenkel, die Hände und den Hals. Selbst an ihrem Arbeitsplatz darf ihr Schminkköfferchen nicht fehlen. Und konsumieren an einem einzigen Tag eine Packung von 14 C4- Vitamintabletten, um ihre Pobacken aufzuplustern. Steatopygie bleibt das einzige und einzigartige Schönheitsideal.

Die Männer strömen in die Bars und masturbieren mit einem Stück Seife zwischen Jazz-Müll und einer Darmentleerung nach Rumba-Art, und die Kerle streiten sich. Diese Männer sind von allen sexuell übertragbaren Krankheiten gezeichnet. Sie stinken nach Alkohol, Zigaretten, Sperma, Speichel und Diesel und stehen grunzend da wie die Schweine und sie schlagen sich auch durch wie die Schweine! Unabhängigkeit, olé? Olé, olé, olé! Die Männer sind sehr beschäftigt. Sie betreiben Gewichtheben und möchten um jeden Preis George Clooney ähneln. Sie werden nicht müde, Wurzeln zu zerkauen, als Aphrodisiaka, um ihre sexuelle Ausdauer zu steigern.

Gloria in excelsis Deo. Et in terra pax hominibus bonae voluntatis… Die Nacht beginnt um 16 Uhr, Nacht des Festes und des Fellatio! Rohkost und Unterleib bilden eine Saison des Erbrochenen ohne gemeinsame Neurose, alle tragen ihre schönste Kleidung zur Schau, alle möchten Champagner trinken, alle möchten Ganja rauchen, alle möchten vom Rindfleisch probieren, das aus den Vereinigten Staaten via Ex-Jugoslawien, aus Polen, Botswana, Mozambique und Uganda kommt, alle möchten gerne den Tanz des Pferdes tanzen, alle küssen sich, alle möchten Hundespießchen essen, alle möchten etwas, alle möchten etwas, alle wollen etwas…

Übersetzung aus dem Französischen: Gerhard Teissl

 

vortrag

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.