Gemischte Gefühle

Heimat kann vieles bedeuten, kann etwa Geburtsort, Wohlfühloase oder Sehnsucht sein. Es gibt nicht viele Begriffe, die so zwischen Intimität und Inszenierung zerrissen sind wie Heimat.
Weil Heimat viele Dimensionen hat.

© Marc Eder

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Im urbanen Raum waren Heimatgefühle lange Zeit so out wie Helene Fischer auf einem Rave-Festival. Doch in einer unglaublich kurzlebigen Welt, in der man schnell den Boden unter den Füßen verliert, scheint das Heimatgefühl bei Jung und Alt wieder sehr willkommen. Heimat bedeutet oftmals Rückzugsort, Zuflucht und Sicherheit. „Heimat ist dort, wo ich meine Wurzeln habe“, sagen manche. Auch Wurzeln vermitteln Standfestigkeit. Globalisierung und Finanzkrise haben die Menschen verunsichert, sie suchen ihr Heil wieder in der Welt der Traditionen. Wie sie etwa in Volksliedern dargestellt wird. Andreas Gabalier, der steirische Volksrock’n’Roller, bedient diesen Wunsch offensichtlich erfolgreich, indem er singt: “Jo des Steiralaund des is mei Heimatlaund / Und drum trog i ah mit so vü Stoiz mei Steiragwaund“. In Dirndl und Lederhose zum Aufsteirern zu gehen ist wieder in Mode.

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© TMK Bruck

Sehnsucht nach der heilen Welt
Den Begriff „Heimat“, wie er heute vielfach verstanden wird, gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Während der Urbanisierung, Industrialisierung und Säkularisierung sei der Heimatbegriff zur „Projektionsfläche unbestimmter Sehnsüchte mutiert“, wie der Grazer Volkskundler Helmut Eberhard bereits im November 2009 bei einem Symposium der Uni Graz erzählte. Die sich rasch ändernden gesellschaftlichen Bedingungen riefen damals, so Eberhard „die Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen (bäuerlich verstandenen) Welt hervor“, was letztlich „zur Implementierung bzw. zur Neubewertung von Begriffen wie Volkstum, Volkskultur, Volkskunde, Heimat usw.“ führte. Noch vor 1800 meinte der Heimatbegriff lediglich den Hofbesitz oder das Elternhaus. Es ging lange Zeit um Ansprüche, nicht um Gefühle.

Heimat als Ort, wo niemand war
Manche bezeichnen Heimat als ewigen Wunschbrunnen. Ist Heimat immer das, wo man nicht ist, was man nicht hat? Ist Heimat Nostalgie und Zurückwünschen, das Sehnen nach verlorenen Gemeinschaften? „Der Mensch ist nur dann beweglich, wenn er einen Ort hat, zu dem er zurückkehren kann“, sagte Oskar Negt 2014 im Gespräch mit dem Standard. Der deutsche Soziologe und Philosoph dachte da vor allem an Ernst Blochs Heimatbegriff: Heimat als eine Art Kindheitstraum. „Es ist ein Ort, der zwar in der Kindheit vermutet wird, wo niemand war, aber alle hinwollen“, sagte Negt. Es gehe um eine existenzielle Bestimmung und Verankerung. Der Mensch habe ein „existenzielles Naturrecht“ darauf, irgendwo festen Boden unter den Füßen zu haben. „Jeder Mensch muss das Gefühl haben können, hier habe ich Anerkennung, hier kennen mich die Menschen“, so Negt. I wüll wieda ham, fühl mi do so allan. I brauch ka große Wöd, i wüll ham noch Fürstenföd.

Error in translation
Dabei bedeutet der Heimatbegriff im Deutschen so viel mehr als in vielen anderen Sprachen. Eine deckungsgleiche Übersetzung scheint oft gar nicht möglich. Ähnlich intim wie das deutsche Wort „Heimat“ muten die tschechische Vokabel „domov“, das Slowenische „domovina“ und „haza“ aus dem Ungarischen an, die allesamt den Wortstamm von „Haus“ enthalten. Auf Ungarisch heißt „Heimat“ aber auch „szülőföld“, was übersetzt so viel wie „Elternerde“ meint. Polen, Spanier oder etwa Italiener sprechen vom „Vaterland“ wenn sie Heimat meinen. Das lettische Wort „dzimtene“ für Heimat leitet sich von „dzimt“ (geboren werden) ab. Ins Englische lässt sich der Begriff „Heimat“ übrigens nicht adäquat übersetzen, „da er der zentraleuropäischen Tradition verhaftet ist und seine emotionalisierte Bedeutung aus den Verlustängsten des Modernisierungsprozesses erhalten hat“, sagt ISOP. Am ehesten kann man Heimat mit den englischen Begriffen „homeland“ oder „native land“ übersetzen. Franzosen sagen gern „lieu d’origine“ oder „pays natal“. Wenn die eigene Heimat angesprochen werden soll, überzeugt am besten die einfache Wendung „mon pays“. Heimat ist im Deutschen nicht derart geografisch verortet. Der Begriff kann, muss  nicht die Elternerde meinen. Ubi bene, ibi patria. Wo es gut ist, ist Heimat. Menschen suchen sich entsprechend ihren Bedürfnissen neue Heimaten. Das kann ein Chatroom sein oder sogar ein Raum „in sich selbst“. Yoga und Meditation sollen ein solches Heimatgefühl auslösen können. Weniger herrlich ist die Sehnsucht nach der Heimat, in die man nicht mehr zurückkehren kann. „Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde“, notierte der österreichischer Autor und Kritiker Alfred Polgar einst im amerikanischen Exil. Er fasste damit das Schicksal von vielen EmigrantInnen bereits vor über einen halben Jahrhundert treffend zusammen – zwei Sätze, die tagesaktueller nicht sein könnten.

CC BY-SA 3.0 (GuentherZ)

CC BY-SA 3.0 (GuentherZ)

Recht auf Heimat
Sollte Heimat ein international anerkanntes Recht darstellen? Die Gesellschaft für bedrohte Völker postuliert es genauso wie Greenpeace. Auch der deutsche Bund der Vertriebenen – ein Verband, der neben diverser Würdigungen von höchster offizieller Stelle auch mit Nähe zum Rechtsextremismus auffiel – fordert dies seit längerem. „Es gibt keinen Zwang, in der Heimat zu leben, jedoch gibt es ein Recht, in der Heimat zu verbleiben und nicht von dort vertrieben zu werden. Wenn man vertrieben wird, dann gibt es ein Rückkehrrecht“, sagte Völkerrechtler Alfred de Zayas in einer Rede vor dem genanten Bund. Vertreter der Vertriebenen stützen ihre Forderung dabei gerne auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Gegen eine solche Ableitung votierte etwa der deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf. Kurz vor Zerfall der Sowejtunion stellte er die These auf: „Es gibt kein Recht der Armenier, unter Armeniern zu leben […] Das sogenannte Selbstbestimmungsrecht hat unter anderem als Alibi für Homogenität gedient, und Homogenität heißt immer die Ausweisung oder Unterdrückung von Minderheiten.“ Die Forderung nach einem Recht auf Heimat ist nach wie vor strittig und wird im internationalen Recht nicht allgemein anerkannt. Kritiker halten dagegen, dass der Slogan „Recht auf Heimat“ dazu genutzt werde, Zuwanderung zu beschränken und zu selektieren.
Im deutschsprachigen Raum ist der Heimatbegriff nicht nur in Zeiten von Pegida ein ideologisch und politisch immens aufgeladener Begriff. In den Grundsatzprogrammen der im Nationalrat sitzenden österreichischen Parteien findet sich der Begriff bei den Grünen nullmal, Neos einmal, SPÖ und Team Stronach zweimal, ÖVP 15-mal und FPÖ 18-mal.

Heimatpflege
Museumstraße 1, 6020 Innsbruck. Hier ist der „Verein für Heimatschutz und Heimatpflege in Nord- und Osttirol“ beheimatet. Der Verein hat viele Ziele und Aufgaben. Neben Wanderausflügen – bildungsspektakulär „Lehrfahrten“ genannt – und der Pflege von Mundart und Tracht, interveniert die Gruppierung auch immer wieder, wenn es „notwendig“ ist. Dann, wenn „Stadt-, Orts- und Landschaftsbild bedroht sind.“ Um die Heimat zu pflegen. Dies heiße „die kulturelle Eigenart eines Landes zu bewahren. Dazu gehört auch, seine Bewohner vor Einheitscharakter und Zersiedelung, vor Gesichts- und Geschichtslosigkeit sowie Gleichförmigkeit zu beschützen“, wie der Verein auf seiner Homepage erklärt.

Als Schweizer krank wurden
Wer eine Heimat hat, kann Heimweh haben. Diese Sehnsucht scheint recht schweizerischer Natur zu sein, denn eine Art des Heimwehs ging sogar als „Schweizer Krankheit“ in die Geschichte ein. „Es handelte sich um eine durch unbefriedigte Sehnsucht nach der Heimat begründete Melancholie oder Monomanie, welche eine bedeutende Zerrüttung der körperlichen Gesundheit, Entkräftung, Abzehrung, Fieber und gar den Tod zur Folge hatte. Der Name ‚Schweizer Krankheit’ begründet sich mit der Definition durch im Ausland stationierte Schweizer Soldaten, die unter Heimweh litten. In Frankreich war es bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus bei Todesstrafe verboten, den Kuhreihen, ein bekanntes Hirtenlied, zu singen oder zu pfeifen, weil sich bei dessen Anhören die Schweizer Soldaten des Heimwehs nicht mehr erwehren könnten und es sie zur Fahnenflucht verleite“, verrät eine Wikipedia-Seite, das sich auf ein von Literaturwissenschaftler Matthias Slunitschek verfasstes Buch stützt.

Hirn und Heimat
Die Kindheit prägt das Heimatgefühl mehr als jede andere Lebensphase, sagen Forscher. Das ließe sich auch neurobiologisch erklären. Am stärksten würden sich stark mit Emotionen besetzte oder oft wiederholte Ereignisse ins Gehirn einbrennen. In der Kindheit treffe häufig beides zu. Die Verknüpfungen im sich entwickelnden Gehirn würden dadurch so stark werden, dass verschiedene Erinnerungen, Gerüche, Klänge oder Berührungen ein Leben lang das mit dem Heimatgefühl verbundene Wohlgefühl auslösen.

© Andreas Hermsdorf  / pixelio.de

© Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Heimat lässt sich offenbar auch schenken. Als im Oktober 2014 das Gerhard Hanappi-Stadion, die Heimstätte des Wiener Fußballklubs Rapid für den Neubau abgerissen wurde, konnten sich die Fans Erinnerungsstücke an die alte Heimat des Klubs mitnehmen. In grünen Schachteln mit der Aufschrift „Mein Stück alte Heimat“ konnten die Besucher Rasenziegel, Mauerbrocken oder Teile vom Tornetz mit nach Hause nehmen. Wer weniger gerne Fußball spielt, sondern lieber kocht, dem sei Folgendes verraten: Der deutsche TV-Koch Tim Mälzer hat im vergangenen Jahr ein Kochbuch mit dem Titel „Heimat“ publiziert. Wetten, dass???-Kurzzeitmoderator Markus Lanz befand sogleich: „Ein schönes Buch über deutsche Kochtradition.“ Verfasser Mälzer meinte, es solle ein Buch sein, das seine Leser „inspirieren soll, selbst loszulegen und zu entdecken, wie Deutschland schmeckt – die Vielfalt beginnt gleich an der nächsten Ecke.“

Heimaten?
War „Heimat“ also eine Antwort auf die Welt der Urbanisierung und Industrialisierung, so müsste angesichts der Globalisierung die logische Antwort der Moderne „Heimaten“ lauten. Wenn es mehrere Heimaten gäbe, würden Menschen dann nicht mehr von ihrer „zweiten Heimat“ sprechen? Oder sieht die moderne Antwort eine völlig neue Definition vor? Univ-Prof. Dr. Helmut Konrad gibt im Vorab-Interview bereits erste Denkanstöße. Bei seinem Vortrag „Vielschichtige, veränderbare Heimaten“ (20.1./18:30 Uhr) im Auditorium des Joanneumsviertel wird er die Vielschichtigkeit des Heimat-Begriffs weiter erörtern.

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