Fluider Begriff „Familie“

Karl Kaser ist ist Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Seine Hauptarbeitsfelder und Forschungsprojekte beziehen sich auf historisch-anthropologische Themen, wie beispielsweise Familiengeschichte, Verwandtschaftsverhältnisse, Vetternwirtschaft/Klientelismus und Gender-Beziehungen am Balkan. Ein Gespräch über den fluiden Begriff „Familie“, über Funktionen, die eine Familie zu erfüllen hat und Familienkonstellationen in Graz.

Sie gehen davon aus, dass „Familie“ ein fluider Begriff ist, den es als solchen eigentlich nicht gibt. Was bedeutet denn für Sie generell der Begriff „Familie“ und was verbinden Sie damit?

Ich gehe davon aus, dass es „die“ Familie schlechthin nicht gibt. Wenn man interkulturell vergleicht und zusätzlich in der Geschichte zurückblickt, so trifft man auf eine breit gefächerte Reihe von Familienformen, und sieht, dass es keinen feststehenden Begriff von Familie gibt. Natürlich hat der nationale Gesetzgeber irgendwo festzulegen, was als Familie gilt und was nicht. Dennoch zeigen jüngste Debatten zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft, dass die Diskussion um „Familie“ noch nicht abgeschlossen ist.

Welche Familienkonstellationen gibt es in Graz? Trifft man hier auf verschiedene Formen?

Graz hat einen hohen Zuwanderungsanteil, und dementsprechend kommen unterschiedliche Familienvorstellungen in Graz zusammen. Zum einen die heimische Bevölkerung, welche eher den traditionelleren Werten folgt. Dann gibt es eine Art vorübergehende Familienverbände kommunaler Wohnart, also im studentischen Bereich. Das ist zumindest eine Art von Haushalt, eine  gemeinsame Haushaltsführung und Wohngemeinschaft mit einer Struktur. Dann die Zugewanderten: Ein hoher Anteil aus den Balkangebieten, indem eine sehr starke familiale Solidarität vorherrscht. Diese Solidarität umfasst nicht nur Vater, Mutter, Kinder, sondern bezieht mehrere Verwandte mit ein.

Diese Verwandten können auch in Graz leben, müssen aber nicht unbedingt. Viele leben anderswo, in Serbien oder in Anatolien. Sie verstehen sich als eine Familie, sind aber räumlich getrennt – die sogenannte transnationale oder transstaatliche Familie. Mit den heutigen medialen Möglichkeiten ist es keine große Schwierigkeit mehr, den Zusammenhalt aufrecht zu erhalten. Das war früher viel schwieriger, man konnte sich zwar Briefe schreiben, aber viele taten sich damit schwer. Daher sind früher diese transstaatlichen Familienverbände weniger homogen gewesen als heute.

Wenn es um Familienbilder geht – wie würden Sie Europa einordnen?

Zunächst würde ich die Skandinavischen Länder wegdenken, so bleibt für mich in Familienhinsicht ein sehr konservatives Europa über. Es gibt sicherlich Länder, die diesbezüglich noch konservativer sind als Österreich, mediterrane Länder vielleicht. Es ist erstaunlich, wie hoch der Prozentsatz von Jugendlichen ist, die sich die Form der Kernfamilie als Familienform wünschen. Nur wird die dauerhafte Realisierung dieses Wunsches immer schwieriger.

Warum?

Erstens, weil der Einfluss der Religionen schwächer geworden ist. Zweitens, weil ein immer größerer Teil der Bevölkerung in einer urbanen Umgebung lebt. Es ist in der Stadt einfacher, sich scheiden zu lassen oder etwas Neues zu beginnen als am Land. Drittens wollen sich Frauen immer weniger dem gängigen konservativen Familienbild unterwerfen. Männer hingegen sind üblicherweise konservativer als Frauen. Denn Männer haben etwas zu verlieren.

Betrachtet man „Familie“ von der pädagogischen Seite, so hat sie bestimmte Funktionen zu erfüllen – zum Beispiel eine Sozialisationsfunktion, eine Politisierungsfunktion, eine Wirtschaftsfunktion. Wie geht das mit ihrem Konzept von „Familie“ einher?

Familie ist nicht der einzige Ort, an dem sozialisiert wird. Da gibt es so viele Sozialisationsbereiche, sodass in vielen Fällen die familiale Sozialisation gar nicht die ausschlaggebendste  ist.

Aber ist Familie nicht zumindest der erste Bereich, durch den sozialisiert wird?

Natürlich. Aber es muss nicht die Familie sein. Was ist mit alleinerziehenden Müttern? Es entspricht nicht vergangenen Zeiten – und es entspricht nicht der heutigen Zeit, der sozialen Realität – dass die Familie eine so zentrale Rolle in der Sozialisationsfunktion spielt.

Auch die Politisierungsfunktion der Familie ist relativ. Gerade in der Pubertät kann es zu politischen Gegenströmungen kommen, eine bewusste Opposition gegenüber Vater, Mutter, den Eltern vertreten werden.

Verändert sich der ideologisch konstruierte Begriff „Familie“ noch in Zukunft?

Was ich für die Zukunft sehe, ist, dass alternative Formen zur gängigen Familienvorstellung zahlreicher werden. Das ist sicher ein Zukunftstrend. Es ist absehbar, dass die Scheidungsraten weiterhin steigen werden, und damit natürlich wieder alternative Formen, wie Patchwork-Familien, zunehmen werden. Es lässt sich kein Rad zurückdrehen – auch wenn man es über die Gesetzgebung versucht.

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