Eine Definition von Familie ist unmöglich

Am Dienstag, dem 25. März, fand im Rahmen der Vortragsreihe „Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt“ die Veranstaltung zum Thema „Familie – ein fluider Begriff in Theorie und Praxis, Geschichte und Gegenwart“ statt. Ein Abend, der unter anderem zeigte, dass „die“ Familie in der oftmals propagierten Form als Kernfamilie nicht mehr existiert und dass gesellschaftliche Vielfalt auch mit unterschiedlichen Formen des privaten Zusammenlebens zu tun hat.

Katharina Scherke (Institut für Soziologie, Uni Graz) und Robert Reithofer (Verein ISOP) eröffneten den Abend mit einem kurzen Abriss über das Programm der Veranstaltung. Danach wurde der Film „Wortfamilie“ gezeigt. Der knapp fünfminütige Kurzfilm enstand unter der Leitung von Joachim Hainzl (Verein XENOS), der dann auch ein paar begleitende Worte aussprach, dem Autor sowie Thomas Wolkinger (Journalismus und PR, FH Joanneum Graz).

Mit Schildern, auf denen unterschiedlichste Begriffe, die in Verbindung zu Familie stehen (beispielsweise „Häfenbruder“, „Landesmutti“, „Puffmutter“ und „Waffenbruder“), zu sehen waren, wurden Menschen auf der Straße als Videostills festgehalten. Dies vermittelte als Grundbotschaft, dass Familienbanden nicht immer auf Blutsverwandtschaft aufgebaut sein müssen.

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Der erste Vortragende an diesem Abend war Karl Kaser, Professor für Südosteuropäische Geschichte an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Seine Hauptarbeitsfelder und Projekte beziehen sich großteils auf historisch-anthropologische Themen, wie beispielsweise Familiengeschichte, Verwandschaftsverhältnisse und Gender-Beziehungen am Balkan. Ein Gespräch mit Prof. Kaser über den fluiden Begriff “Familie”, über Funktionen, die eine Familie zu erfüllen hat und Familienkonstellationen in Graz gab es bereits vorab hier am Blog zu lesen.

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Karl Kaser definiert Familie
Karl Kaser konfrontierte das Publikum damit, dass eine Definition von „Familie“ unmöglich sei. Dies sei vor allem der Unterschiedlichkeit der Auffassung des Begriffs und durch die enorme Vielfalt, die „Familie“ mit sich bringt, geschuldet.

Eine Vielfalt, die, wie Kaser erläuterte, nicht von allen Menschen vertreten wird. So zitierte er den ÖVP-Seniorenobmann Kohl: Die Familie: Das sind in der Regel Vater, Mutter, Kind. Da sind wir halt besonders sensibel. Doch gleich im nächsten Augenblick erklärte Kaser, dass die gängige Auffassung dieses Familienbildes, die „Kernfamilie“, nur eine von vielen Definitionen ist.

Weiters erklärte Kaser, dass es wichtig sei, klar zwischen Familie und Haushalt zu differenzieren. So war ein engeres Familienkonzept erst ab dem 19. Jahrhundert relevant, bis dahin dominierte ein Konzept der Hausgemeinschaft mit temporären Mitgliedern. Auf seiner Zeitreise erzählte Kaser von der Familie im römischen Reich (damals bestand die familia nicht nur aus verheiratetem Ehepaar und Kindern, sondern auch aus Sklavinnen und Sklaven), von der Familie im bäuerlichen Milieu (darauf geht Kaser genauer im Vorabinterview ein – siehe „Fluider Begriff Familie“) bis hin schließlich zur großen Wandlung des Begriffes „Familie“ in den 1960er Jahren. Zu dieser Zeit wird „Familie“ als solche zum ersten Mal in Frage und andere, alternative Familienformen rücken in den Mittelpunkt.

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„Der Herd ist und war ein Symbol des Zusammenlebens der Familie“
Schließlich ging Kaser auch noch genauer auf das Ost- und Südost-Europa ein – dort dominierte nicht das Konzept der Hausgemeinschaft mit temporären Mitgliedern sondern das einer männlichen Abstammungsgemeinschaft, in der der Familienkern aus Männern aus unterschiedlichen Generationen bestand. In vielen Ländern des Balkans wird dieses Konzept zwar nicht mehr so intensiv wie früher durchgesetzt, dennoch kommt es, vor allem im Kosovo, noch vor. So ist Kaser dort auf eine Familie gestoßen, die aus 120 Mitgliedern besteht – mit dem Herd als Mittelpunkt.

Abschließend formulierte Kaser noch einige Prognosen – so glaubt er an eine Zunahme von transstaatlichen Familienformen, an eine Tendenz in Richtung pluralisierter Familienformen und eine Zunahme von Mehrgenerationenfamilien, hervorgerufen durch das Steigen der Lebenserwartung.

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Nach dem Vortrag von Karl Kaser fand sich auch die erste Impulsgeberin des Abends, Barbara Binder (Kinderfreunde Steiermark), am Pult ein. Die Rechte von Kindern zu bewahren als auch eine möglichst breite Gleichberechtigung von Familienformen zu ermöglichen, ist den Kinderfreunden ein Hauptanliegen. Binder brachte ein Beispiel aus dem Alltag als Familienorganisation – und las eine Abmeldung eines Enkels von einem Feriencamp durch die Großmutter vor. Jene schreibt in ihrem Brief an die Kinderfreunde, dass ihr Enkel, der ohne Eltern aufwuchs, für das Feriencamp nun schon zu alt sei, aber bei den Kinderfreunden eine solch gute Behandlung erfahren hätte, die er sicherlich gerne einmal selbst weitergeben werde.

Und genau darum“, so Binder, „geht es uns – Werte und Haltungen weiterzugeben, Familien zu begleiten, Bildung zu ermöglichen, damit Kinder innerhalb der Familie so heranwachsen damit sie dies ihren Folgefamilien, wie auch immer diese aussehen werden, weitergeben können.“

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Martina Weixler (RosaLila PantherInnen), die zweite Impulsgeberin des Abends, sprach über die Regenbogenfamilie und das Thema Homosexuelle und Kinder. Neben einer Definition gab Weixler auch einen kurzen Überblick über die rechtliche Situation in Österreich: „Es hat sich viel in Richtung Akzeptanz und Gleichstellung Homosexueller entwickelt, so gibt es seit 2010 die eingetragene Partnerschaft, ein Ehe-ähnliches Modell für homosexuelle Paare.“ Weiters gibt es seit 2013 für homosexuelle Paare die Möglichkeit einer Stiefkindadoption und die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung für lesbische Paare.

Dennoch bestehen nach wie vor einige rechtliche Hürden, die es einem homosexuellen Paar erschweren, eine Regenbogenfamilie zu gründen. „Die Fremdkindadoption ist weiterhin für schwule/lesbische Paare in Österreich verboten.“ Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene sind Regenbogenfamilien weitgehend unsichtbar – so mangle es einerseits an der Akzeptanz und andererseits an der Wertschätzung für diese Familienform.

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In der abschließenden Podiumsdiskussion, bei der alle RednerInnen des Abends mit Katharina Scherke an einem Tisch angeregt mit dem Publikum diskutierten, wurden noch viele Fragen gestellt. So interessierten sich ZuhörerInnen  für die Rolle des Kindes in diversen alternativen Familienformen, warum die Kernfamilie noch immer derart stark in unserer Gesellschaft verankert sei und welche Punkte man als politischer Mensch in Gang setzen kann, um das traditionelle Familienarrativ zu verändern.

 

 

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