Diskriminierung als gesellschaftliches Problem

Im Gespräch mit Daniela Grabovac, Menschenrechtspreisträgerin der Stadt Graz 2007

Diskriminierung ist auch im 21. Jahrhundert ein viel diskutiertes und brandaktuelles Thema.
Sie gehört in jeder Kultur zum Alltag. Interpretiert wird das Wort ,,Diskriminierung“ meist unterschiedlich. Doch ob versteckt oder offensichtlich, bewusst oder unbewusst – fast jeder Mensch wurde schon Opfer von Diskriminierung oder hat selbst diskriminiert.

Mag.ª Daniela Grabovac, seit 2012 Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Landes Steiermark, ist täglich mit den unterschiedlichsten Formen  von Diskriminierung konfrontiert und erarbeitet gemeinsam mit ihrem Team Lösungsstrategien.

Daniela Grabovac © A. Golser

Daniela Grabovac

Was bedeutet für Sie Diskriminierung?
Diskriminierung bedeutet für mich, wenn meine Menschenwürde verletzt wird und ich aufgrund meines Aussehens, meiner Art oder Herkunft schlechter behandelt werde als andere.

Haben Sie selbst schon Diskriminierung erlebt?
Ja! Ich glaube, wenn man ehrlich zu sich ist, weiß man, dass jeder von uns schon einmal Diskriminierung erlebt hat, aber auf der anderen Seite auch diskriminiert hat. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man besser damit umgehen.

Es ist schon 10 Jahre her, seit das Antidiskriminierungsgesetz in Kraft getreten ist. Halten Sie dieses für veraltet? Was würden Sie ändern?
Ich glaube, es wäre wichtig das Antidiskriminierungsgesetz zu novellieren. Alle Diskriminierungsgruppen sollen das gleiche Schutzniveau haben. Es wäre für mich wesentlich, dass der Diskriminierungsschutz breiter gefächtert ist. Generell sollte Diskriminierung ein Thema sein und es sollte daran gearbeitet werden, dass niemand mehr diskriminiert wird. Dazu muss man aber immer bei sich selbst anfangen.

Was sind die größten Problemfelder in der Diskriminierung?
Die größten Problemfelder sind, wie bereits erwähnt, dass Diskriminierungsgruppen nicht gleich geschützt sind. Manche erfahren mehr Schutz durch das Gesetz als andere. Soziale Herkunft ist zum Beispiel gar nicht geschützt. Weitere Probleme sind Beleidigungen und Beschimpfungen in der Öffentlichkeit. Bei diesen können Täter und Täterinnen weder gefasst noch rechtlich geahndet werden.

Kann Diskriminierung überhaupt gesetzlich festgemacht werden?
Absolut. Der Gesetzgeber ist gefragt, Regeln zu finden, um dementsprechend die Gruppen zu schützen. Das große Problem ist, dass  Diskriminierung rechtlich zwar ein Thema  ist, aber gesetzlich nie geregelt wurde.

Welche Maßnahmen könnten konkret gegen Diskriminierung in der Gesellschaft vorgenommen werden?
Zuerst braucht es ein Bewusstsein, was Diskriminierung ist und wer alles diskriminiert werden kann. Im zweiten Schritt werden Maßnahmen entwickelt. Diese sollen nicht individuell sein, es muss Vorbildfunktionen geben. Solange ich keine Vorbilder habe, mit denen ich mich identifizieren kann, wird sich die Gesellschaft nicht ändern. Zum Beispiel müssen MigrantInnen oder Personen mit Behinderungen im öffentlichen Leben wirken können. Erst dann geschieht die gemeinsame Lösung, die die Gesellschaft anstrebt.

Gibt es Bereiche, in denen besonders häufig diskriminiert wird bzw. ist erkennbar, welche Nationalitäten am häufigsten von Diskriminierung betroffen sind?
Unseres Erachtens ist es der Bereich der Fremdenfeindlichkeit. Diskriminierung kann aber auch sehr subtil erfolgen und manchmal gar nicht greif- oder festmachbar sein. Nach der EU-Grundrechtestudie, die vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, gibt es einen europaweiten Trend, dass Personen, die eine dunkle Hautfarbe haben, sichtbare Minderheiten sind oder ein Kopftuch tragen, stärker diskriminiert werden.

Wie stehen Sie zum Thema Altersdiskriminierung im Dienstrecht, ist diese gerechtfertigt?
Nein, denn das Alter ist im Arbeitsrecht geschützt. Deswegen sollte man nicht zwischen Jung und Alt unterscheiden, sondern immer die individuellen Fähigkeiten und das Wissen eines Einzelnen heranziehen.

Welche Unterschiede gibt zwischen Männer und Frauen im Umgang mit Diskriminierung?
Wir haben in der Beratung gemerkt, dass Männer eher bereit sind gegen Diskriminierung etwas zu machen. Sie beanspruchen früher eine Beratung als Frauen. Frauen zögern, weil sie vielleicht Diskriminierung schon öfter erlebt haben und als normal ansehen.

Was halten Sie von der Diskussion über den Ladies Day?
Es hat eine Geschichte gegeben, bei der Frauen nicht mehr vergünstigt in Fußballstadien kommen, da dies eine Diskriminierung gegenüber den Männern ist. Prinzipiell ist es diskriminierend, wenn es einen Ladies Day oder Women Day gibt. Die Frage ist das Ziel dahinter und das muss im Gericht abgewogen werden.

Ihre Meinung zur Frauenquote?
Die Frauenquote braucht man um gesellschaftspolitisch und in den Strukturen etwas bewegen zu können. Meistens hält sich die Diskriminierung in den bestehenden Strukturen auf. Es ist natürlich schwierig, wenn man die eine Frau ist, die aufgrund der Frauenquote eine Leitungsfunktion bekommen hat. Dazu muss man sagen, dass man im öffentlichen Dienst bei gleicher Qualifikation genommen wird und das bei einer gewissen Prozentzahl, damit die Gleichbehandlung klar ist.

Wäre es für sie persönlich vertretbar, wenn Sie wegen der Frauenquote eine Position erhalten?
Frau und Mann verstehen die Quote, es ist aber natürlich schwierig damit umzugehen, weil man ja deswegen angegriffen wird. Die Quote ist eine strukturelle Maßnahme, um etwas bewirken zu können.

Sie behandeln diese Fälle in der Antidiskriminierungsstelle. Gibt es besondere Erfolgsbeispiele?
Ein Erfolgsbeispiel ist momentan der Fall einer Frau, die aufgrund ihres Kopftuchs aus einem Geschäft geworfen wurde. Der Fall wurde von der Gleichbehandlungskommission als Diskriminierung eingestuft und wird bei Gericht auf Schadenersatz verhandelt. In einem anderen Fall geht es um einen Herrn, der aufgrund seiner Gehbehinderung nicht in eine Diskothek gelassen wurde. Im Schlichtungsverfahren kam es zu einer Einigung und Entschuldigung durch Türsteher und Clubbesitzer.

Fallen Ihnen konkrete Beispiele zur Diskriminierung in Graz ein? Hat diese zugenommen?
Momentan gibt es ein Fall, bei dem einer jungen dunkelhäutigen Frau, aufgrund ihrer schwarzen Hautfarbe ein Lehrplatz beim Friseur verwehrt wurde. Der Fall ist bei der Gleichbehandlungskommission. Zugenommen hat die Diskriminierung im Sinne der Sichtbarkeit. Unseres Erachtens haben auch Diskriminierungen aufgrund der Religion und der ethnischen Herkunft zugenommen.

Wird es in der Zukunft weniger Diskriminierung geben?
Ich glaube, dass es Diskriminierung immer geben wird. Das ist leider eine Tatsache und liegt an eigenen Vorurteilen, die man im Kopf hat und nicht immer reflektiert… auch ich nicht als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn sich das gesellschaftliche Bild ändert und Personen, die eigentlich zu diskriminierten Gruppen gehören, in bestimmten Positionen vorherrschen, ist es möglich.

Verraten Sie doch etwas über Ihren Impuls am 9. Dezember im Joanneumsviertel…
Ich werde einige Fälle vorstellen, damit sich die Zuseher ein Bild davon machen können, was Diskriminierungsfälle, die außerhalb der Norm und unseres Bewusstseins liegen, sein können. Danach werde ich auch Lösungsvorschläge anbieten.

Brennt Ihnen noch etwas zum Thema Diskriminierung auf der Seele?
Ich glaube, erst wenn man selbst genau weiß, wie weh Diskriminierung tut, überlegt man sich ob man das einem anderen auch antun will.

 

Das Interview führten Angelika Golser und Angela Mader.

Über die Antidiskriminierungsstelle
Menschen, die sich diskriminiert fühlen, können sich über alle Kommunikationswege an die Antidiskriminierungsstelle des Landes Steiermark wenden. Diese ist eine Erstanlauf-, Clearing-, Beratungs- und Monitoringstelle. In weiteren Schritten wird versucht Lösungsvorschläge zu erarbeiten, findet eine Beratung statt und die Fälle werden an zuständige Stellen weitervermittelt. Ist die Vermittlung nicht möglich, kümmert sich die Stelle selbst um den Fall. Die Antidiskriminierungsstelle ist keine Parallelstruktur zu engagierten Institutionen und Einrichtungen, sondern möchte fehlende Beratungsstrukturen abdecken sowie die Arbeit gegen die Diskriminierung vorantreiben und stärken.

Veranstaltungshinweis
9. Dezember 2014
Vom Diskriminierungsverbot zu effektiver Gleichheit
Joanneumsviertel – Auditorium – 18.30 Uhr
Sind wirklich alle Menschen gleich? Tatsächlich sind „institutionalisierter“ Rassismus wie „strukturelle“ Diskriminierung in der Gesellschaft zur Normalität geworden; der Vortrag untersucht, welche Arten von Benachteiligung auf nationaler und internationaler Ebene im Antidiskriminierungsrecht festgehalten sind.
Vortrag: Joseph Marko, Institut für Österreichisches, Europäisches und Vergleichendes Öffentliches Recht, Politikwissenschaft und Verwaltungslehre
Impulse: Daniela Grabovac (Antidiskriminierungsstelle des Landes), Fred Ohenhen (ISOP), Sabine Schulze-Bauer (Landes-Gleichbehandlungsbeauftragte)

 

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