„Die anderen gibt es nicht. Wir sind die anderen. Die anderen sind Wir.“

„Wir und die anderen: Was uns die Sozialpsychologie zum Thema Vorurteil sagen kann“, lautete das Motto am 21. Oktober. Im Rahmen der Diskussionsreihe „Spannungsfeld gesellschaftliche Vielfalt“ näherten sich Vortragende und Publikum den Fragen: Was bedeutet fremd, woher kommen Vorurteile und können wir ihnen überhaupt entkommen?

10553595_348419511999653_7049408349254067527_n

In ihrer Begrüßung holte die steirische Integrationslandesrätin Bettina Vollath gleich alle Anwesenden auf den Boden der Tatsachen:

„Das Bild, das wir von der steirischen Gesellschaft haben, ist nicht in der Gegenwart angekommen. Wir klammern uns an Nostalgiekarten. Diese Illusion, wie wir glauben, dass die Gesellschaft war, die hat es nie wirklich gegeben.“

10356269_348419131999691_5765774965242595547_n

Im anschließenden Hauptvortrag versuchte Ursula Athenstaedt, Professorin am Institut für Psychologie an der Grazer Karl-Franzens-Universität, das Phänomen Vorurteile zu durchleuchten und dem Publikum das theoretische Wissen dazu zu vermitteln.

„Viele von uns haben ein Systemerhaltungsbedürfnis. Wir haben Angst davor, dass sich Dinge ändern.“

Sie zeigte auf, dass Menschen eher zu Vorurteilsbildung neigen, wenn es ihnen gut geht und sie in Gesellschaft sind.

„Wenn  wir eine gute Stimmung haben, neigen wir eher dazu, vorschnell zu  urteilen. Wir lassen uns dann eher vom Bauchgefühl leiten.“

In die systemische Denkweise von Menschen passt die Einteilung in „Gruppen“ nur allzu gut.

„Wir neigen dazu, Fremdgruppen als sehr homogen anzusehen. Die Mitglieder unserer eigenen Gruppe sind immer unterschiedlicher als die einer Fremdgruppe. ‚Die anderen‘ sind alle gleich.“

Athenstaedt sieht den wichtigsten Faktor zum Abbau von Vorurteilen bei den Individuen selbst. Arbeit an sich sei der wesentliche Punkt.

„Es ist ein hartes Arbeiten, nicht an den anderen, sondern an uns.“

10665811_348419228666348_2215424090310017121_n

Praxisimpulse und anschauliche Bilder lieferten im Anschluss Joachim Hainzl vom Verein Xenos und Stefan Benedik, der an der Uni Graz forscht.

„Jeder von uns weiß,  Marsmännchen sind grün und kleiner als Menschen. Wir haben also über eine fiktive Gruppe gemeinsame Vorurteile.“ (Hainzl)

Hainzl sieht eines der größten Probleme im Zusammenhang mit Vorurteilen im Begriff „Migrationshintergrund“. Ein Problem per se sei in seinen Augen schon die Begriffsdefinition.

„Die Menschen unterscheiden nicht zwischen Migrationshintergrund und Migranten und Migrantinnen.“

„Ich bin für die Abschaffung des Begriffs ‚Migrationshintergrund‘. Er ist ein desintegratives Merkmal und migrationshinderlich“.

Hainzls Conclusio:

„Wir müssen mit unserem Selbstbild und unserem Fremdbild kreativer umgehen“.

1622642_348419335333004_8313864572450194425_n

Historiker Stefan Benedik ließ mit einem Praxisbeispiel aufhorchen, das die vorschnelle Verurteilung einer Bevölkerungsgruppe zeigt.

„In Salzburg haben seit Beginn der Diskussion ums Bettelverbot die Übergriffe auf Roma und Romna stark zugenommen. Hier wird also die Gruppe der Bettler gleichgesetzt mit dieser einen Bevölkerungsgruppe“. 

In einem Satz fasste Benedik den Tenor des Abends zusammen.

„Unsere Fremdbilder sagen wenig über Fremde und viel mehr über uns selbst aus“.

10559658_348419398666331_4099338266429397567_n

Nächste Veranstaltung:

9. Dezember 2014
Vom Diskriminierungsverbot zu effektiver Gleichheit
Joanneumsviertel – Auditorium – 18.30 Uhr
Ausgehend vom Befund der sozialwissenschaftlichen Forschung, dass die sozio-ökonomische Stratifikation sowie ethnische Hierarchisierung von Gesellschaften sich zum Nachteil von Angehörigen bestimmter Gruppierungen gegenseitig verstärken, unternimmt es der Vortrag, die Entwicklung des Andiskriminierungsrechts in Europa und Nordamerika sowohl auf nationaler Ebene wie europäischer Ebene daraufhin zu untersuchen, wie mit diesen Benachteiligungen rechtlich umgegangen und ob Rechtssetzung durch Parlamente sowie Rechtsprechung durch Gerichte adäquat darauf eingehen.
Vortrag: Joseph Marko, Institut für Österreichisches, Europäisches und Vergleichendes Öffentliches Recht, Politikwissenschaft und Verwaltungslehre
Impulse: Daniela Grabovac (Andidiskriminierungsstelle des Landes), Fred Ohenhen (ISOP), Sabine Schulze-Bauer (Landes-Gleichbehandlungsbeauftragte)

Um Anmeldung wird gebeten unter: vielfalt@isop.at

No Comments

Add a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.