„Bosnisch ist nicht weniger wert“

Ana lebt sprachlich in zwei Welten. Sie ist in Österreich geboren und aufgewachsen und hat Deutsch von klein auf gelernt. Nicht von ihren Eltern, aber von Kindergärtnerinnen, Lehrern und Freunden. 

Bosnien 1992. Marija* ist schwanger im 4. Monat und steht in der Küche. Die Küche ist nagelneu, genauso wie das Haus, das sie zusammen mit ihrem Mann Fran* gebaut hat. Als sie immer lauteres Geschrei hört, wundert sie sich erst, tut es dann aber als Radau ab. Denn Radau gibt es oft, vor allem seit Bosnien sich von Jugoslawien abspalten will. Marija hält das für eine gute Idee, doch sie hat Angst vor der Aggressivität der Serben. Was Marija zu dieser Zeit nicht weiß, ist, dass der Radau, den sie so nahe vor ihrem Haus hört, von einer dieser aggressiven Serbengruppen kommt, Anhänger von Ratko Mladić. Es sind Männer aus der Nachbarschaft, Marija vertraut ihnen, spricht viel mit ihren Frauen. Vor kurzem hat sie einer erzählt, dass sie und Fran Verwandtschaft in Kroatien hätten und sich so weit als möglich von den Konflikten zwischen Bosniern und Serben heraushalten wollten. Die Frau hat es ihrem Mann erzählt, und der seinen Freunden.

Kärnten 2013. Marija trinkt Tee auf der Couch. Neben ihr sitzen Fran, ihre Tochter Ana* und ihre Eltern. „Wir sind damals von einer Minute auf die andere aus unserem Haus vertrieben worden“, sagt Fran „Gott sei Dank haben wir es alle zusammen bis nach Österreich geschafft. Viele Bekannte hatten nicht so viel Glück“.

Ana wurde in Kärnten geboren. Heute ist sie 21 Jahre alt und studiert Jus in Graz. Deutsch hat sie im Alter von drei Jahren im Kindergarten gelernt, zu Hause wurde ausschließlich Bosnisch und Kroatisch gesprochen.

Kein Anlass, die Sprache zu lernen

Obwohl die Familie seit fast 25 Jahren in der neuen Heimat lebt, spricht Marija kaum Deutsch. „Ich merke schon manchmal, dass meine Freunde es seltsam finden, wenn meine Mama sich nicht wirklich mit ihnen unterhalten kann, obwohl wir schon so lange hier leben, aber bei uns ist das so“, sagt Ana, „und wir sind bei weitem nicht die einzigen.“ Fran ist der Sohn einer bosnischen Familie aus der oberen Mittelschicht. Sein Vater hat in Deutschland gearbeitet, und Fran ging sechs Jahre dort in die Schule.

Er konnte sich sprachlich sehr schnell in Österreich integrieren, hat sich mittlerweile auch den Kärntner Dialekt angeeignet. Marija hat in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft in Österreich kaum Kontakt zu anderen gesucht. Ihr Bruder und seine Familie konnten kurz nach Marija und Fran flüchten und wohnen inzwischen nebenan. Auch Marijas Eltern leben nicht weit entfernt. Bis heute hat die Familie nur wenig Kontakt zu gebürtigen Österreichern und ist viel unter sich.

„Meine Mutter hatte nie wirklich Anlass, die Sprache zu lernen“, erklärt Ana. Ihr eigenes Deutsch habe sie nur in Kindergarten, Schule und bei Freundinnen gelernt. Warum sie ihrer Mutter nie ein bisschen beim Lernen geholfen habe, wisse sie nicht. „Ich denke aber, dass Mama mich einfach nie gefragt hat, und als Kind war es ganz normal für mich, zu Hause Bosnisch und draußen Deutsch zu sprechen“, sagt Ana.

Bilingual aufgewachsen zu sein ist für Ana ein großer Vorteil: „Zum Beispiel in der Schule habe ich gemerkt, dass es einfacher für mich ist, ein Gefühl für andere Sprachen zu entwickeln.“ Für sie sei Mehrsprachigkeit eine Ressource, aus der man unendlich viel schöpfen kann.

Trotzdem gibt es immer wieder unangenehme Situationen für die Familie. „Manchmal wird über meine Großeltern und meine Mama geredet, weil sie noch immer nicht Deutsch sprechen“, sagt Ana. Die Leute, die so reden, wissen allerdings nicht, dass Marija Deutsch sehr gut verstehen kann. Sie hat nur Hemmungen, auch zu sprechen.

Sprache symbolisiert Zusammenhalt

„Weil sie schon sehr lange in Österreich ist, ist es ihr peinlich, dass sie die Sprache nicht richtig beherrscht“, sagt Fran. Deshalb halte sie sich lieber zurück. Als Ana mit 16 ihren ersten Freund hatte, einen Österreicher, gab es einige Probleme, weil er nicht verstanden hat, dass ihre Mutter nicht mit ihm sprechen kann. Außerdem hat er sich bei Ana zu Hause unwohl gefühlt, weil er die Tischgespräche nie verstanden hat.

Für Ana sind dies allerdings kleine Hürden: „Ich habe eine Freundin, die mit einem Italiener zusammen ist. Als sie anfangs bei seiner Familie war, hat sie auch nie etwas verstanden und es trotzdem in Ordnung gefunden. Sie findet Italiener auch ziemlich cool.“ Genau dieses Kategorisieren von Sprachen ärgert Ana. „Bosnisch hat ein uncooleres Image als Italienisch oder Französisch“, sagt sie, „und es ist lästig, wenn die Leute denken, dass es weniger wert ist, bilingual aufgewachsen zu sein, wenn eine der beiden Sprachen nicht sehr prestigeträchtig ist.“

Trotzdem würde Ana nicht tauschen wollen. Sie liebt ihre Familie und den starken Zusammenhalt, der durch die Sprache symbolisiert und noch verstärkt wird. Wenn Ana einmal ein Kind hat, würde sie ihm ihre Muttersprache von klein auf beibringen. Vor allem, weil es sich sonst auch gar nicht mit seiner Großmutter unterhalten könnte.

* Aus Rücksicht auf Privatsphäre wurden die Namen geändert

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