„Auch in den Köpfen existierte ein Eiserner Vorhang“

Barbara Schrammel-Leber ist Sprachwissenschaftlerin am  treffpunkt sprachen – Zentrum für Sprache, Plurilingualismus und Fachdidaktik der Karl-Franzens Universität Graz.  Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Minderheitensprachen, in erster Linie das Romani, sowie Mehrsprachigkeit. Eine Unterhaltung über gelebte Mehrsprachigkeit in Graz, Vorurteile und die Integrationsdebatte.

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Welche Kombination von Mehrsprachigkeit ist aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Situation sinnvoll?

Die Empfehlung der EU lautet „Mother Tongue plus two“. Man soll also seine Erstsprache beherrschen und zwei weitere Sprachen. Bei diesen zwei weiteren Sprachen ist die Empfehlung: eine regional wichtige Sprache. Für Graz wäre das beispielsweise Slowenisch; und eine überregionale Sprache. Das ist bei den meisten Englisch. Wenn man sich anschaut, was an den Schulen unterrichtet wird, sind wir von der EU-Empfehlung weit entfernt. Bei uns werden noch immer die klassischen Schulsprachen unterrichtet, nämlich Englisch als überregionale Sprache, dann Italienisch, Französisch, Spanisch. Unsere Nachbarsprachen sind schulisch kaum verankert. Wenn man international tätig sein möchte, sind asiatische Sprachen zunehmend wichtig; bei Chinesisch ist die Message schon angekommen, Mandarin boomt bei Uni-Kursen.

Woher kommt es, dass manche Sprachen – wie beispielsweise Spanisch, Französisch – so beliebt sind, währe andere Sprachen – unter anderem Rumänisch, Polnisch – ein geringes Sozialprestige haben?

Das Prestige von Sprachen ist gesellschaftlich gemacht und hat viel mit der Geschichte einer Region zu tun. Sprachen wie Französisch sind geschichtlich gesehen die Sprachen der Oberschicht, lange Zeit des Adels. Sprachen wie Tschechisch oder Slowenisch werden dagegen eher mit niederen Schichten verbunden: in der K.u. k. Monarchie sprachen viele Dienstboten in Wien Tschechisch. Und Slowenisch wurde von der ländlichen Bevölkerung gesprochen, während die Bürger in Städten wie Maribor Deutsch gesprochen haben. Der Glaube, dass slawische Sprachen viel schwieriger zu lernen sind, als z.B. Französisch, ist nur eine Folge der fehlenden Auseinandersetzung mit diesen Sprachen. Denn rein lautlich gesehen ist Französisch auch nicht leichter auszusprechen als eine slawische Sprache.

Vorurteile über Sprachfamilien und die damit in Zusammenhang gebrachten Eigenschaften sind von dem Umfeld geprägt, in dem man aufwächst. Was kann man dagegen unternehmen?

Das Prestige von Sprachen ist einfach gesellschaftlich gemacht und wird auch so weitervererbt, wie man es in seiner Familie hört. Ich komme aus der Südsteiermark, von der slowenischen Grenze. Ich habe zuhause immer gehört „Slowenisch braucht man nicht, das sprechen nur 2 Millionen Leute“. Aber man muss sich nur ansehen, wohin Konzerne expandieren: Eben genau in die Länder, in denen Slowenisch, Bosnisch, Serbisch und Rumänisch gesprochen wird. Es war eben so, dass der Westen besser entwickelt war und auf die Länder im Osten herabgesehen hat. Auch in den Köpfen existierte ein Eiserner Vorhang. Wenn andere Sprachen im Schulsystem implementiert sind, können sich solche Einstellungen ändern. Das wäre ein Schritt, um das Prestige von Sprachen zu heben.

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Die Vortragsreihe am 10. Dezember läuft unter dem Titel „Mehrsprachigkeit als Ressource, Normalität und Chance“ – was kann sich ein Laie darunter vorstellen?

Mehrsprachigkeit als Normalität“ beschreibt, dass wir in einer Migrationsgesellschaft leben, dass Sprachenvielfalt in der Steiermark vorhanden ist und auch nicht weggehen wird, egal ob man es gut oder schlecht findet. Die Frage ist vielmehr: Was macht man daraus, wie geht man damit um. Mehrsprachigkeit betrifft uns alle. Wir alle verwenden verschiedene Register einer Sprache. „Als Ressource und Chance“ – es gibt Herausforderungen in Bezug auf Mehrsprachigkeit. Es wird sehr oft das Defizit bei Menschen mit anderen  Erstsprachen betont und selten die damit verbundene Kompetenz gesehen und wie man damit auch in der Wirtschaft Erfolg haben kann.

Wo besteht in Graz noch Handlungsbedarf in puncto gelebter Mehrsprachigkeit?

Die Volksschule Geidorf, die Kroatisch und Deutsch unterrichtet, ist sicher ein sehr gutes Beispiel um zu sehen, wie mit der vor Ort vorhandene Mehrsprachigkeit produktiv umgegangen werden kann. Es wäre wünschenswert, wenn es weitere Initiativen in diese Richtung geben würde. Dass eben Nachbarsprachen wie Kroatisch oder Ungarisch in Grundschule oder Kindergarten implementiert werden. Weil es zu gesellschaftlichem Wandel in Bezug auf die Wahrnehmung von Sprachen kommt, wenn diese Sprachen ganz normal vorhanden sind.

Wird im öffentlichen Raum positiv oder negativ auf die Mehrsprachigkeit eingegangen?

Ich habe mir die Stadt Graz auch in Bezug auf „Linguistic Landscape“-Forschung angesehen. Das ist ein visueller Ansatz bei dem man schaut, welche Sprachen im öffentlichen Raum vorhanden sind. Man bemerkt, dass Sprachen aus dem Osten eher bei Aufforderungen und Verboten vorkommen, während man die typischen Schulsprachen auf Beschriftungen bei Denkmälern findet. Man könnte auch in Hinblick auf Tourismus zeigen, dass Sprachen in Graz ein Anliegen sind. Die Shoppingcity Seiersberg hat das Potenzial erkannt, dort gibt es alle Durchsagen auch auf Slowenisch und Kroatisch. Es gibt in Graz schon viele sehr gute Initiativen in Bezug auf Mehrsprachigkeit und Sprachenvielfalt, man muss aber daran weiterarbeiten. Es wäre auch notwendig, dass Schulen in Graz, deren Schüler 99 Prozent eine andere Muttersprache als Deutsch haben, mehr Unterstützung erhalten. In so einer Schule zu unterrichten, ist eine besondere Aufgabe, man findet ganz andere Arbeitsbedingungen vor. Das Thema „Mehrsprachigkeit“ oder „Deutsch als Zweitsprache“ gehört auch viel mehr in die Lehrerinnenausbildung implementiert.

Sie betreuen Projekte zur Förderung von Romani, der Sprache der Roma. Wieso bedarf diese Sprachgruppe besonderer Unterstützung?

Romani ist die Minderheitensprache einer Volksgruppe, die über Jahrhunderte diskriminiert und verfolgt wurde. Romani hat eine Sonderstellung, weil es bis vor 30 Jahren rein mündlich an die nächste Generation weitergegeben wurde.  Vor dreißig Jahren begannen Aktivisten die Sprache zu schreiben und Lehrmittel zu entwickeln, weil die Sprache zu verschwinden drohte. Die Roma sind europaweit eine Volksgruppe, deren soziale Probleme stark ethnisiert werden. Dabei sind es Armutsphänomene, es hat mit sozialen Missständen zu tun, mit verweigerten Bürgerrechten und nicht mit kulturellen Eigenheiten der Roma.

Lässt sich aus diesem konkreten Beispiel für Diskriminierung ein allgemeines Problem der Integrationsbemühungen ableiten?

Die Konzentration auf Herkunft, Sprache und Ethnizität sind in der Integrationsdebatte ein großes Problem, weil dabei Menschen auf bestimmte Merkmale festgeschrieben werden. Wir alle haben verschiedene Identitäten. Die Tatsache, dass wir verschiedene Sprache sprechen, ändert nichts daran, dass nicht auch trotzdem Österreich unser Heimatland sein kann. Es geht darum zu kommunizieren und sich auszutauschen, Verständigung herzustellen. Dafür braucht man nicht immer  perfekte Sprachkenntnisse sondern die Fähigkeit, mit anderen in einen Dialog treten zu können.

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